BIB Aktuell #44: Verbot gegen BIB-Beirat Zumach

Vortrag in Karlsruhe aufgrund Fake-News abgesagt


Quelle: https://www.bib-jetzt.de

Andreas Zumach war Aktivist und Koordinator von Initiativen gegen die Apartheid in den 70er- und gegen die Nachrüstung in den 80er-Jahren. Sechs Jahre lang war er Referent bei Aktion Sühnezeichen. Seit 30 Jahren ist er Journalist in Genf für die taz und andere Medien. Er ist Beirat unseres Vereins (-> Videointerview mit Andreas Zumach u.a. zur Biografie).

Über 1000 Vorträge hielt Zumach in 45 Jahren. Niemals wurde bisher ein Vortrag aus inhaltlichen Gründen untersagt. Dies ist nun geschehen. Am 6. 12. vormittags sollte Zumach bei den „Jungen Alten – Evangelische Erwachsenenbildung“ in Karlsruhe-Durlach zum Thema „Israels wahre und falsche Freunde“ referieren. Aber zehn Tage vorher schrieb Frau Solange Rosenberg, Vorstandsmitglied der Jüdischen Kultusgemeinde Karlsruhe, eine e-mail an den Leiter der Evangelischen Erwachsenenbildung. Und prompt am nächsten Morgen untersagte der Evangelische Dekan von Karlsruhe diesen Vortrag, „weil ich Schaden für das Verhältnis zwischen Evangelischer Kirche und der Jüdischen Kultusgemeinde Karlsruhe abwenden möchte“.

Konkret warf Frau Rosenberg Andreas Zumach vor: Er habe behauptet, Israel sei am Tsunami schuld gewesen. Und bekannt seien seine Aktivitäten „im Rahmen der BDS- und BIB-Kampagnen“, die „eindeutig auf die Delegitimierung des Staates Israel hinauslaufen und als eindeutig antisemitisch (links-antisemitisch) gelten“.

Zumach und später unsere Gründungsmitglied Nirit Sommerfeld schrieben daraufhin an Frau Rosenberg und verlangten, dass sie diese Behauptungen belegen oder zurücknehmen solle. Daraufhin widerrief Frau Rosenberg mit Schreiben vom 27.11. an Zumach und vom 29.11. an Sommerfeld alles und erklärte, sie werde nichts davon wiederholen. Aber sie hatte mit diesen Fake News ihr Ziel erreicht: Der Dekan interessierte sich weniger für Fakten als für die Stimmungslage rechtsnationalistischer Kreise in der Jüdischen Gemeinde und blieb bei seiner Entscheidung.

Diese Sache zog natürlich Kreise im Internet: Der Dekan bekam zahlreiche Protestschreiben. Schließlich berichteten die Badischen Neusten Nachrichten (BNN) vom 4.12. über den Konflikt, mit dem reißerischen Titel „‚Shitstorm‘ nach Absage durch den Dekan“ (der Dekan als Opfer!) und schrägen Behauptungen über BIB: „Kritiker klassifizieren gleich gelagerte Bündnisse wegen Boykottaufrufen gegenüber israelischen Waren aus den besetzten Palästinensergebieten als ‚antisemitisch‘.“ Auch habe der Dekan gesagt, „BIB stehe eben für einen Boykottaufruf israelischer Waren“.

Diesen letzteren Satz nahm der Dekan mit Schreiben an uns und gegenüber den BNN ausdrücklich zurück, und der Satz steht auch nicht mehr in der Internetversion des BNN-Artikels vom 4.12. (ebensowenig wie der reißerische Titel). Der erstere Satz ist satirereif, denn wer sind „Kritiker“, was sind „gleich gelagerte Bündnisse“, und vor allem was sind „israelische Waren aus den besetzten Palästinensergebieten“? Solche Waren sind schlicht nicht israelisch. (S. Urteile des Europäischen Gerichtshofs vom 25. 2. 2010, des Bundesfinanzhofs vom 15. 5. 2013 und Interpretative Note der EU-Kommission vom 11. 11. 2015) Diese Waren zu boykottieren ist daher nicht gegen Israel gerichtet, sondern gegen den unrechtmäßigen Standpunkt der israelischen Regierung, dass die besetzten Palästinensergebiete zu Israel gehören würden. Was das mit Antisemitismus zu tun haben soll, weiß kein normaler Mensch.

Wie ging es weiter? Die Publicity durch diesen Zeitungsartikel war gut, also hielt Andreas Zumach seinen Vortrag am Vormittag des 6.12. an einem Ausweichort in Karlsruhe vor über 100 BesucherInnen, den gleichen Vortrag nochmals am Abend vor über 130 Menschen in der vollbesetzten Pauluskirche in Ettlingen bei Karlsruhe und einen Vortrag mit anderem Thema, bei dem er aber ausführlich über diese Ereignisse berichtete, bereits am 5.12. in der Karlsruher Stadtbibliothek.

In der Evangelischen Kirche ist dieser Konflikt nun offen ausgebrochen. Relativ viele Menschen, die dem Dekan Protestschreiben schickten, sind oder waren in der Kirche aktiv, und bei der Veranstaltung, die der Dekan am 6.12. vormittags parallel zu Zumachs Vortrag ansetzte, um seinen eigenen Standpunkt zu erläutern, erhielt er reichlich Gegenwind.

Die rechtsnationale israelische Regierung und ihre Parteigänger versuchen über diverse Einflusskanäle, den palästinensischen Widerstand und entsprechende moderate Stimmen für Gerechtigkeit und Versöhnung zu unterdrücken. Die Karlsruher Ereignisse zeigen vor allem eins: Es wird ihnen nicht gelingen.

Eine pdf-Datei mit dem Verbots-Begründungsschreiben des Karlsruher Dekans und den uns bekannten Protestschreiben finden Sie hier.

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BIB Video-Kanal eröffnet

Erstes BIB-Interview mit Andreas Zumach und
Videoaufzeichnungen von der Heidelberger BIB-Konferenz
jetzt online verfügbar

Liebe BIB-Freund*innen und Unterstützer*innen,
liebe Nahost-Interessierte,

was lange währt, wird endlich gut: Pünktlich zur Adventszeit haben wir etwas für Sie vorbereitet, womit Sie lange dunkle Tage gehaltvoll ausfüllen können. Während der BIB-Konferenz vom 25. – 27. Mai 2018 wurden Videos aufgenommen, die wir nun geschnitten und bearbeitet haben. Ab sofort stehen Ihnen diese Aufzeichnungen von Live-Vorträgen und -Diskussionen auf unserem neu eingerichteten YouTube-Kanal zur Verfügung. Zusätzlich werden wir alle Videos auf unserer Facebook-Seite nach und nach hochladen.  

Sie können sich sämtliche Vorträge einzeln ansehen, ebenso die anschließenden Diskussionen sowie das Schlusspanel, das wegen seiner Länge in zwei Hälften geteilt wurde. Zudem wollen wir in lockerer Folge Interviews mit interessanten Persönlichkeiten führen, die ihre Sichtweise und Einschätzung zu Israel, Palästina und Nahost darstellen. 

Für das erste Interview stand uns unser Beiratsmitglied Andreas Zumach zur Verfügung. Eine Stunde lang spricht der erfahrene Journalist mit Nirit Sommerfeld über Israel und Palästina und analysiert die Haltung Deutschlands. Dieses Interview ist ganz aktuell von besonderer Brisanz, da unserem Beiratsmitglied diese Woche eine Veranstaltung in Karlsruhe vom evangelischen Dekan abgesagt wurde — aufgrund verleumderischer Unterstellungen ihm persönlich sowie unserem Bündnis BIB e.V. gegenüber. Mehr dazu im nächsten BIB Aktuell.

Selbstverständlich stehen Ihnen diese Videos bis auf Weiteres unbegrenzt und kostenfrei online zur Verfügung. Wir wollen Interessierten mit diesem Medium die Möglichkeit geben, sich zu den unterschiedlichen Themen rund um Palästina, Israel und dem sogenannten Nahostkonflikt ein Bild zu machen. Unsere Intention ist es, Geschichte und Gegenwart der Region zu beleuchten, dabei auch die Rolle Deutschlands zu hinterfragen und bestenfalls Lösungsansätze für unser politisches Verhalten hierzulande zu finden. 

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Weihnachten, Channukka…  Weihnukka!*

In dieser Jahreszeit feiern die Christen die Geburt ihres Erlösers und die Juden das Ölwunder, wonach acht Tage lang das Tempellicht brannte, obwohl nur Öl für einen Tag vorhanden war (den kriegerischen Aspekt dieses Festes lassen wir mal weg…). Ob wir hoffen oder an Wunder glauben — wir alle streben danach, Licht ins Dunkel zu bringen, und in diesem Sinne wollen wir von BIB auch mit unserem neuen Video-Projekt einen Beitrag leisten. Mit Ihrer Hilfe, liebe Leserin, lieber Leser, kann uns das gelingen!

Bitte nehmen Sie sich hin und wieder Zeit für die Videos und verbreiten sie die, die Ihnen am besten gefallen; auch über Kommentare auf den Kanälen freuen wir uns sehr. Wenn Sie unsere Arbeit wertvoll finden und fördern möchten, können Sie uns finanziell unterstützen — entweder mit einer einmaligen Spende 

  • über PayPal auf unserer BIB-Webseite
  • direkt auf unser BIB-Förderkonto IBAN: DE43 2545 1345 0051 0579 58    BIC: NOLADE21PMT
  • durch eine regelmäßige Fördermitgliedschaft — auch dazu finden Sie den Link auf unserer BIB-Webseite

Lassen Sie uns gemeinsam einen Weg für Gerechtigkeit, Gleichheit, Frieden und Sicherheit für alle Menschen zwischen Mittelmeer und Jordan gehen.

Frohes Channukafest, fröhliche Weihnachten!

Ihr BIB-Team

PS: Alle Projekte und Aktionen von BIB basieren auf ehrenamtlicher Arbeit. Wir sind unabhängig und daher auf Ihre Spenden angewiesen.

* Das Jüdische Museum Berlin hat in Folge seiner erfolgreichen Weihnukka-Ausstellung 2006/07 eine eigene Weihnukka-Website geschaffen. Sehr empfehlenswert!

BIB Aktuell #43: A-Park-heid

Nur für Juden – im Stadtpark von Afula


Quelle: https://www.pinterest.de/cdrum360/jim-crow/

Afula ist eine Stadt mit knapp 50.000 Einwohnern im Norden Israels. Im Juni 2018 demonstrierten 150 Personen gegen den Verkauf eines Hauses. Grund: Der neue Besitzer war kein jüdischer, sondern ein arabischer Israeli. Mit dabei auf dieser Demonstration war auch ein früherer Bürgermeister, ein Mann namens Elkabetz. Dieser sagte dabei klipp und klar: „Die Bürger von Afula wollen nicht eine gemischte Stadt, sondern eine jüdische Stadt, und das ist ihr gutes Recht. Das ist nicht Rassismus.“

Die Zeitung HaAretz vom 27. November berichtet: Dieser Ex-Bürgermeister wurde nun wieder zurück ins Amt gewählt und versprach sogleich, dass keine Auswärtigen mehr den Stadtpark von Afula betreten dürfen – offensichtlich deswegen, weil das nicht nur Juden wären. In diesem Sinne gelobte der gesamte Stadtrat bei seiner Vereidigung anlässlich der Neuwahl, den jüdischen Charakter der Stadt zu erhalten.

Man würde die AfD beleidigen, wenn man sie mit solchen Leuten auf eine gleiche Stufe stellen würde. In Israel dagegen ist diese Ultra-AfD-Linie Regierungspolitik! Denn:

Im letzten Jahr wurde das Beduinendorf Umm al-Hiran in der Wüste Negev (also im „Kernland“ Israels) zerstört, um Platz für die Errichtung von Siedlungen zu schaffen, die ausschließlich jüdischen Bürgern vorbehalten sein sollen (s. hier, im Archiv, September 2017, TdW 33). Obendrein wurde im August letzten Jahres vielen Beduinen ihre israelische Staatsbürgerschaft aberkannt. Dadurch sind sie nicht nur mehrfach vertrieben, enteignet, zwangsumgesiedelt und gedemütigt worden – jetzt leben sie auch noch staatenlos in Israel.
Das Nationalitätsgesetz, das im Juli verabschiedet wurde, macht die Realität israelischer Apartheidspolitik offiziell – sozusagen zur Staatsräson. Es dekretiert u.a., dass Israel der Nationalstaat des jüdischen Volkes sei. Dadurch werden die rund 20 Prozent der israelischen Bürger arabischer Herkunft sowie andere Nicht-Juden Bürger zweiter Klasse. Daniel Barenboim kommentierte: Dieses Gesetz ersetze die Prinzipien der Gleichheit und universellen Werte durch Nationalismus und Rassismus. Und Jeff Halper, Vorsitzender des israelischen Komitees gegen Häuserzerstörung, schrieb: „Wir müssen nun nicht länger darüber diskutieren, ob es ein Apartheidsregime zwischen dem Mittelmeer und dem Jordantal gibt. Es gibt es!“
Einen Überblick über diskriminierende Gesetze in Israel bietet eine von der Menschenrechtsorganisation Adalah erstellte Liste.

Im Judentum wurden zwei verschiedene Konsequenzen aus der Zerstörung des europäischen Judentums gezogen. Die eine ist: „Menschenrechte gelten immer und überall.“ Die andere ist: „Uns soll das nicht mehr passieren.“ Die hier beschriebenen Ereignisse zeigen, wohin diese zweite Konsequenz führen kann. In ihrer Selbstbezogenheit verliert sie die moralische Legitimation.

BIB Aktuell #42: Keine Ferien mehr auf besetztem Land!

Der Beschluss von Airbnb und die Folgen


Blick auf die Siedlung Modi’in (Foto: privat)

Die rechtsnationale politische Mehrheit Israels beansprucht ein Recht auf ihr „angestammtes biblisches Land Judäa und Samaria“.  Aber nach Völkerrecht ist „Judäa und Samaria“ das von Israel besetzte Westjordanland, und die dortigen jüdischen Siedlungen gehören nicht zu Israel. So beurteilt dies das Gutachten des Internationalen Gerichtshofes in Den Haag vom Juli 2004, und dementsprechend forderten Resolutionen des UN-Sicherheitsrats von 1980 und vom Dezember 2016 den sofortigen Stopp der israelischen Siedlungen.

Nichtsdestoweniger hatte bislang Airbnb Ferienhäuser und -wohnungen in den jüdischen Siedlungen angeboten und als Unterkünfte „in Israel“ deklariert. Sogar in sogenannten Außenposten (meistens Vorläufer von Siedlungen), die in der Regel sogar von Israel als illegal betrachtet werden, waren über Airbnb Ferienaufenthalte angeboten. Wer ein Angebot buchte, wurde nicht darüber informiert, dass sich das Feriendomizil nicht in Israel sondern in einer Siedlung im besetzten Westjordanland befindet.

Bereits im Januar 2016 hatte die PLO Airbnb gebeten, diese Angebote aus dem Programm zu nehmen. Außerdem hatten mehr als 150.000 Menschen eine entsprechende Petition unterzeichnet.
Airbnb ist Anfang letzter Woche diesem Ersuchen nachgekommen, wenn auch nicht ausdrücklich unter Hinweis auf völkerrechtliche Situation, sondern mit der Begründung, die Siedlungen befänden sich „im Zentrum des Streits zwischen Israelis und Palästinensern“.

In diesem Zusammenhang stellen sich folgende weitere Probleme.

Erstens ist es gar nicht so einfach für Airbnb, zwischen den illegalen Angeboten von Siedlern und den legalen Angeboten von palästinensischer Seite zu unterscheiden. Denn Airbnb stützt sich auf auf Google-Karten und Angaben von Wikipedia – beides nicht sehr präzise, wie ein Artikel in HaAretz herausarbeitet.

Zweitens macht Booking-com gerade das genaue Gegenteil von Airbnb: Seit einigen Monaten bezeichnet Booking-com auf Druck israelischer Radikalnationalisten das ganze Jerusalem als „Stadt in Israel“ und wischt damit das palästinensische Ost-Jerusalem aus seinen Registern.

Drittens bietet der deutsche Reiseveranstalter RSD seine Israelreise mit einem Ausflug nach Bethlehem an, das im Prospekt „Stadt in Israel“ genannt wird. Vorhaltungen von BIB-Mitgliedern, dass dies nicht Israel, sondern besetztes Palästina sei, beantwortet RSD damit, dass man über die politische Situation nicht urteilen wolle – so als wäre die Bezeichnung „Israel“ für eine Stadt in von Israel besetztem Gebiet kein Urteil.

Viertens – und am gravierendsten – macht Israel keine Anstalten, sich auch nur in dieser Frage an das Völkerrecht zu halten. Der Bürgermeister der Siedlung Efrat kritisiert die Entscheidung von Airbnb im Video-Bericht der Süddeutschen Zeitung mit dem üblichen Antisemitismus-Vorwurf: Dies werde „den Frieden nicht fördern, sondern antisemitische Entscheidungen einer solchen Organisation.“ Die israelische Regierung kündigte an, Klagen vor US-Gerichten gegen die Entscheidung von Airbnb zu unterstützen, und der israelische Tourismusminister möchte die Aktivitäten von Airbnb in ganz Israel zur Strafe einschränken.

BIB Aktuell #41: Die christliche Israel-Lobby in den USA bekommt Gegenwind!

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Die Ergebnisse der Halbzeit-Kongresswahlen vom 6. 11. haben erneut deutlich gemacht, wie gespalten die USA sind. Das gilt auch für die Einstellung der Kirchen zum Israel/Palästina-Konflikt.
Dass evangelikale Gruppen maßgeblicher Teil der Israel-Lobby in den USA sind (dazu das Standardwerk von John J. Mearsheimer und Stephen M. Walt »The Israel Lobby and U.S. Foreign Policy«), ist auch hierzulande bekannt. Kaum zur Kenntnis genommen wird jedoch, dass in den christlichen Kirchen in den USA zunehmend deutlicher auch ganz andere Positionen vertreten werden.

Von den ca. 320 Mio. Einwohnern der USA bekennen sich ca. 230 Mio. (71 %) zum Christentum in diversen Konfessionen. Der National Council of the Churches of Christ in the USA (NCC) ist ein ökumenischer Zusammenschluss, traditionell eher links, und vertritt rund 40 Mio., also knapp ein Fünftel dieser Christen.

Am 11. Oktober trafen sich Vertreter des NCC und dreier christlicher Fachverbände: Der Unterstützerorganisation für palästinensische Christen Bright Stars of Bethlehem,  der christlichen Lobbyorganisation für Frieden in Israel/Palästina Churches for Middle East Peace und der progressiven afroamerikanischen Samuel DeWitt Proctor Conference. Ihr dort verabschiedeter Aufruf fordert u.a. die Anerkennung Ostjerusalems als Hauptstadt des Staates Palästina und mahnt eine »ausgeglichene Politik« der US-Regierung an, um zu einer gerechten Lösung des israelisch-palästinensischen Konflikts zu gelangen. Bereits 2017 hatte der NCC dagegen protestiert, Jerusalem zur Hauptstadt Israels zu erklären, und darauf hingewiesen, dass eine solche Entscheidung den Frieden in der Stadt und möglicherweise in der Region gefährden würde.

Verschiedene kleinere Konfessionen (teilweise Mitgliedskirchen der NCC) mit insgesamt ungefähr 15 Millionen Mitgliedern sind einen Schritt weitergegangen und haben in mehr oder weniger scharfer Form beschlossen, Unternehmen, die durch ihre Geschäfte an der israelischen Besatzung verdienen, zu boykottieren und kirchliche Investitionen aus diesen Unternehmen abzuziehen (s. Faith-Based Actions): bereits 2004 die Presbyterianer, 2005 Teile der Vereinten Methodistischen Kirche, seit 2012 mehrere regionale Quäker-Organisationen, 2013 die Mennoniten, 2015 die United Church of Christ, 2016 die Unitarier, die Allianz der Baptisten und die Evangelisch-Lutherische Kirche, 2018 die Episkopalkirche. In gleicher Richtung gingen Voten von progressiven katholischen Gremien, so 2007 der Nationalen Koalition amerikanischer katholischer Nonnen und 2016 der Konferenz höherer katholischer Oberer.

In diesem Sinne forderten der Weltkirchenrat und der NCC im September 2016 das Ende der Besatzung und des Siedlungsbaus sowie die Respektierung der Menschenrechte. Außerdem fordern sie die US-Regierung auf, die geplante Militärhilfe an Israel in Höhe von 38 Mrd.$ zu überdenken, »for the last thing needed at this time is more weapons«. Eine Forderung, die angesichts der großzügig subventionierten deutschen Waffenlieferungen an Israel auch an die deutsche Bundesregierung gerichtet sein könnte. Die Kirchen in Deutschland unterstützen zwar das EAPPI-Programm (Ecumenical Accompaniment Programme in Palestine and Israel), haben aber bisher auf den Hilfeschrei der Palästinenser in der Kairos-Erklärung von 2009 nicht positiv reagiert. Es ist an der Zeit, dass die deutschen Kirchen endlich ihre Zurückhaltung, die sie als doppelte Solidarität bezeichnen, aufgeben und sich wie die obengenannten Kirchen in den USA deutlich auf die Seite der Unterdrückten stellen. Desmond Tutu hat es klar ausgedrückt: »Wenn du dich in Situationen der Ungerechtigkeit neutral verhältst, hast du dich auf die Seite des Unterdrückers gestellt.« Auch dies gilt für unsere deutsche Bundesregierung.

BIB Aktuell #40: Andreas Zumach gewinnt Debatte

Universität München am 7. 11. 2018: Ein brechend voller Hörsaal

Prof. Michael Meyen (am Pult) führt Andreas Zumach (sitzend) ein.

Am letzten Mittwochabend sprach Andreas Zumach an der Universität München (LMU) auf Einladung von Prof. Dr. Michael Meyen vom Institut für Kommunikationswissenschaft und Medienforschung. Zumach ist Journalist und langjähriger Korrespondent aus den UN-Gremien in Genf für deutsche Medien, u.a. die taz. Er ist Beirat unseres BIB.
Zumachs Vortrag „Israel, Palästina und die Grenzen des Sagbaren“ thematisierte die Angriffe auf die Meinungsfreiheit durch Sympathisanten der israelischen radikalnationalistischen Regierung. Wie zur Bestätigung der Thesen des Vortrags gab es im Vorfeld Angriffe auf die Veranstaltung (s. BIB Aktuell #39). Das Präsidium der LMU aber ließ nicht an der akademischen Freiheit rütteln.
Also kamen in den völlig überfüllten Hörsaal für 300 Personen auch 20-30 lautstarke Gegner der Veranstaltung, und zum ersten Mal seit langem gab es eine öffentliche Diskussion zwischen einem Verteter des völkerrechtlichen Diskurses, Andreas Zumach, und Sympathisanten der israelischen Radikalnationalisten.
Vortrag und Diskussion sind hier in voller Länge anzusehen. Wir finden, es hat sich gelohnt: Die Radikalnationalisten mussten sich letztlich widerwillig – trotz andauernder Rüpeleien – dem Diskurs aussetzen, und dabei sahen sie nicht gut aus, wegen des stringent argumentierenden, erkennbar angestrengten, aber stets souveränen Andreas Zumach.

BIB Aktuell #39: Veranstaltungen unter Beschuss

Es sind Rechtsextreme, die unsereins mit dem falschen Vorwurf von Antisemitismus zum Schweigen bringen wollen

Zumach_LMU                  9_Nov_Flyer
Zwei Veranstaltungen, viel Druck von rechts (Infos durch Klick aufs Bild)

Veranstaltungen, die sich etwa mit „Israel, Palästina und den Grenzen des Sagbaren“ – so der Titel von Andreas Zumachs Referat am kommenden Mittwoch an der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) – befassen, sind immer massiveren Angriffen ausgesetzt. Diese Angriffe kommen vor allem von rechten Kräften, die sich links-liberal geben, indem sie Angst vor Antisemitismus vorschützen und sich als „Freunde Israels“ bezeichnen. Besonders aktiv sind sie derzeit in München und Umgebung, aber sie sind so gut organisiert, dass es auch den Rest der Republik betrifft.

Zum Glück sitzen momentan an entscheidenden Stellen Menschen, denen man weder Artikel 5 GG (Meinungsfreiheit) noch sonstige demokratische Grundstrukturen erklären muss und die das einzig Richtige tun: Offene Gespräche zulassen, den Diskurs und die Auseinandersetzung suchen, Zuschauer*innen die Gelegenheit geben, sich eine eigene Meinung zu bilden. Mitnichten sagen diese Menschen – diese Woche der Präsident der LMU und der evangelische Pfarrer in Grafing – Veranstaltungen ab, nur weil diese im Vorfeld mit Schmutz beworfen werden. Hier die Ankündigung des Vortrags von Andreas Zumach an der LMU, hier der Link zur Veranstaltungsreihe in Grafing bei München sowie eine Ankündigung dazu in der lokalen SZ.

Es tut Not, sich die Akteure der vermeintlichen „Beschützer vor Antisemitismus“ anzuschauen, um zu erkennen, was diese Leute motiviert. Dann kann man entscheiden, wie man sich dazu positioniert. Konkret: Die Veranstaltung am Lehrstuhl Meyen mit Andreas Zumach – taz-Korrespondent, Preisträger, BIB-Beirat – wurde attackiert u.a. vom anonymen Absender „Münchner Bürger gegen Antisemitismus und Israelhass“, sowie – und das ist noch viel extremer – von sechs Organisationen, die im Namen von Israelis und Juden sprechen wollen, mit einem Erstunterzeichner namens Yonathan Shay. Shay ist als rechtsextremer Aktivist auf Facebook bekannt, wo er auf seiner Facebook-Seite vor der Islamisierung Deutschlands warnt, die 2000-jährige Besiedlung Samaras und Judäas legitimiert oder seine Solidarität mit dem Soldaten Elor Azaria bekundet und seine Freilassung fordert (Azaria hatte einen auf dem Boden liegenden verletzten Palästinenser erschossen und wurde von weiten Teilen der israelischen Bevölkerung und Regierung als Held gefeiert). Er schreibt für die rechtsextreme israelische Webseite Channel 20/Arutz Essrim, wo er in mehreren Artikeln Tausende in Berlin lebende Israelis als selbsthassende Juden verleumdet, die sogar schlimmer seien als Salafisten und Nazis. 
 
Es ist an der Zeit, eindeutig zu zeigen, wer hier welche Absichten verfolgt und welchem Zweck sie dienen sollen. Israel driftet nicht nach rechts, Israels Regierung und mit ihr viele Israelis sind bereits am rechten Rand angekommen. Das zeigt sich nicht nur im israelischen Alltag, das zeigt sich offen an der Spitze des Staates mit einem Ministerpräsidenten, der die Nähe von rechtsextremen Rassisten sucht, indem er sich anfreundet mit Politikern wie Trump, Orban, Wilders und Strache und sogar zur Vereidigung des Faschisten Bolsonaro nach Brasilien fahren möchte: Die israelische Regierung hat nichts gegen Faschisten, solange sie die israelische Unterdrückungspolitik gegen Palästinenser rechtfertigen.

Eine intellektuelle Auseinandersetzung bei uns in Deutschland mit Israels Besatzungspolitik und ihren Folgen, mit Aufforderungen zu gewaltfreien Aktionen und mit dem Ziel, ein friedliches (Zusammen)-Leben von Israelis und Palästinensern zu ermöglichen, darf nicht von rechten Kräften verhindert werden – ganz gleich welche Motivation sie vortäuschen.
 
Hier lesen Sie den Offenen Brief des rechtsradikalen Yonathan Shay und anderen* an den Präsidenten der Münchner Hochschule; die herausragende Antwort darauf des emeritierten Philosophieprofessors Dr. Georg Meggle sollten Sie sich aber auch auf keinen Fall entgehen lassen.

*Rolf Verleger schrieb als Reaktion auf diesen Offenen Brief seinerseits an den Präsidenten der LMU und überführt darin Y. Shay und seine Freunde der offenen Lüge.