BIB Thema der Woche #22: Nakba

Zunächst in eigener Sache:
BIB lädt ein
zu einem Vortrag mit Gideon Levy
Sonntag, den 28. Mai 2017, 17 Uhr
Lister Turm, Walderseestr. 100, Hannover
Mehr Infos am Ende des Newsletters


Nakba

Vor 69 Jahren, am 14. Mai 1948, erklärte David Ben-Gurion den jüdischen Staat Israel im britischen Mandatsgebiet Palästina für gegründet. Ben-Gurion berief sich dabei auf den Teilungsplan, der im November 1947 von den jungen Vereinten Nationen in New York verabschiedet worden war und der der jüdischen Bevölkerung etwa 56% der Landfläche zugestand und der palästinensischen 44%. Zu dieser Zeit lebten im britischen Mandatsgebiet Palästina etwa 650.000 Juden und 1,4 Mio. Palästinenser (31% / 69%).


2. Grafik von links: Teilungsplan der UNO von 1947 (palaestina-portal.eu)


Unabhängigkeit vs. Katastrophe

Jüdische Israelis und Palästinenser haben unterschiedliche Sichtweisen, wenn es um diese Unabhängigkeitserklärung und die damit verbundenen Ereignisse geht. Für die jüdischen Israelis – vor allem für die Eingewanderten – ist es das Ende eines langen Exils und der Beginn einer eigenen nationalen Existenz. Den überwiegenden Teil der Palästinenser haben diese Ereignisse dagegen „zu einem Volk von Flüchtlingen gemacht, die sich ihrer Heimat und ihres Besitzes beraubt sehen, ohne Aussicht auf nationale Selbstbestimmung, geschweige denn auf Entschädigung oder gar Rückkehr.“, wie im Begleitheft zur Ausstellung Die Nakba zu lesen ist. ‚Nakba‘ ist das arabische Wort für Katastrophe.

Flucht und Vertreibung von ca. 750.000 Palästinensern, etwa 80% der damaligen palästinensischen Bevölkerung, ereigneten sich im Wesentlichen nicht – wie vielfach behauptet wird – als Folge der Kriegsereignisse („In jedem Krieg gibt es nun mal Flüchtlinge“) oder weil die Palästinenser von arabischer Seite zur Flucht aufgefordert worden seien. Vielmehr wurde die Vertreibung planmäßig vorbereitet und umgesetzt: Der im Jahr 1947 entwickelte Plan D forderte die Vertreibung der „lokalen arabischen Bevölkerung und die Zerstörung ihrer Dörfer“, wie der Historiker Ilan Pappe in Die ethnische Säuberung Palästinas 2007 belegt. Im Übrigen hatte Ben-Gurion bereits im Jahr 1938 vor der Exekutive der Jewish Agency ausgeführt: „Ich bin für eine Zwangsumsiedlung; darin sehe ich nichts Unmoralisches.“. Chaim Weizmann hatte sich 1931 vorerst gegen das Ziel eines Jüdischen Staats gewandt, denn „die Welt wird diese Forderung nur in eine Richtung deuten: Dass wir eine Mehrheit erlangen wollen, um die Araber zu vertreiben.“ (zit. nach Robert Weltsch, A Tragedy of Leadership. In: Jewish Social Studies, Bd. 13 (3), Juli 1951). Wegen dieser offenen Worte wurde Weizmann 1931 als Präsident der Zionistischen Weltorganisation abgewählt und erst 1935 wieder gewählt.


Vertreibung, Zerstörung, Enteignung

Mit der Vertreibung wurden hunderte palästinensischer Dörfer ganz oder teilweise zerstört, wie die israelische Organisation Zochrot (Hebr.: „Sich Erinnernde“) dokumentiert. Damit sollte die Erinnerung an sie ausgelöscht und eine Rückkehr in die Dörfer unmöglich gemacht werden.


Der palästinensische Flüchtling Fuad Hamdan besucht die Überreste seines Dorfes Sa’ra (Foto: G.Schindler)

Selbst nur teilweise zerstörte Dörfer wie Lifta (Foto unten) dürfen von Palästinensern bis heute nicht wieder aufgebaut und bewohnt werden. Sämtliches „verlassenes“ Land wurde enteignet und zu israelischem Staatseigentum erklärt. Palästinenser, die anfangs noch versuchten, in ihre Häuser zurückzukehren, wurden als „Infiltranten“ behandelt und getötet. Selbstverständlich vererben sich aber weiterhin bestehende Eigentumsansprüche.


Auf Grund des israelischen ‚Absentee Property Law‘ („Gesetz zum Besitz von Abwesenden“) haben Palästinenser keinen Anspruch auf ihren Besitz, selbst wenn er – wie hier in Lifta – nicht ganz zerstört wurde. (Foto: Götz Schindler)


Gedenken an die Nakba in Israel

Die Knesset beschloss im März 2011, dass denjenigen Institutionen, die der Nakba gedenken oder Gedenkfeiern unterstützen, staatliche Förderungen zu kürzen seien. Das Oberste Gericht bestätigte diesen Beschluss im Januar 2012.

Laut Anweisung des israelischen Bildungsministeriums 2009 musste aus dem Schulbuch Zusammenleben in Israel für den Geschichtsunterricht arabischer Kinder ein Abschnitt gestrichen werden, in dem die Staatsgründung Israels als „Nakba“ bezeichnet wurde. In Geschichtsbüchern für jüdische Kinder wird die Vertreibung der Palästinenser als freiwilliges Verlassen bezeichnet, wenn auf dieses Thema überhaupt eingegangen wird. Darüber wurde ausführlich im SPIEGEL berichtet; die Online-Plattform cremisan.de beleuchtet weitere Aspekte der Nakba.

Gedenken an die Nakba in Deutschland

Der Verein ‚Flüchtlingskinder im Libanon’ erarbeitete 2008 die Ausstellung „Die Nakba – Flucht und Vertreibung der Palästinenser 1948“, in der auf Schautafeln die damaligen Ereignisse dokumentiert und erläutert werden. Angesichts der israelischen Leugnung der damaligen Ereignisse wundert es nicht, dass um diese Ausstellung regelmäßig Kontroversen aufbrechen und es immer wieder Versuche gibt – manchmal erfolgreich, oft nicht – die Ausstellung zu verhindern. Infos dazu finden Sie HIER.

Nakba in Zahlen


(Quelle: IMEU – Intstitute for Middle East Understanding – Screenshot)


Perspektive

Der Schlüssel zur Lösung des israelisch-palästinensischen Konflikts wird sein, dass eine israelische Regierung die Palästinenser für das Unrecht der Nakba um Verzeihung bittet, das Rückkehrrecht der Vertriebenen anerkennt und sich in diesem Zusammenhang ehrlich um pragmatische Lösungen bemüht.

Von israelischer Seite wird vorgebracht, dass mögliche Entschädigungen palästinensischen Vermögens gegengerechnet werden müssten gegen Vermögensverluste orientalischer Juden bei ihrer Vertreibung aus dem Irak, Jemen und Ländern Nordafrikas nach Israels Staatsgründung. Es fällt auf, dass dieses Argument nur im Zusammenhang mit Ansprüchen aus der Nakba erhoben wird; es ist nicht bekannt, dass Israel gegen diese Länder Ansprüche angemeldet hat. Tatsächlich profitierte der junge Staat Israel erheblich von diesen Vertreibungen orientalischer Juden, da er bei seiner Gründung dringend neue Einwohner brauchte. Auch impliziert dieses Argument, dass „die Araber“ alle eine große Masse bilden, die die Kompensationen für die Nakba eigentlich unter sich regeln könnten. Das erinnert daran, wie Antisemiten über „die Juden“ denken. Mit solchen Denkschablonen wird sich kein Konflikt regeln lassen; vielmehr muss positiv und aktiv nach Lösungen gesucht werden.


Gideon Levy in Hannover

Im Rahmen seiner Deutschlandtour konnten wir den
israelischen Journalisten Gideon Levy für einen
Vortrag in Hannover zu
„50 Jahre israelische Besatzung“
mit Unterstützung der Palästinenischen Gemeinde Hannover e.V. und der
Rosa-Luxemburg-Stiftung gewinnen. Der Vortrag wird auf Englisch (mit deutscher zusammenfassender Übersetzung) gehalten werden.
Im Anschluss gibt es Gelegenheit für Fragen und Gespräch.Sonntag, 28. Mai 2017, 17 Uhr
Großer Saal im Stadtteilzentrum Lister Turm
Walderseestr. 100
30177 Hannover
Eintritt frei – Spenden willkommen

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