BIB Thema der Woche #25: „Sechs-Tage-Krieg“

In Israel wird der Juni-Krieg von 1967 bis heute als größter Erfolg des Landes nach der Staatsgründung gefeiert. In der offiziellen Version der israelischen Geschichtsschreibung wird der ‚David-gegen-Goliath’-Mythos aufrecht erhalten. Demzufolge ist es dem kleinen, von Feinden umgebenen Land im „Krieg der Sechs Tage“ (so wörtlich auf Hebräisch) gelungen, sich gegen die Angriffe aller arabischen Armeen durch einen gelungenen Erstschlag zu verteidigen, da sonst die Vernichtung Israels unmittelbar bevorgestanden hätte.

Tatsächlich hatte Ägypten unter Präsident Gamal Abdel Nasser Truppen zusammengezogen – 1.000 Panzer und 100.000 Soldaten wurden in den Sinai an die Grenze zu Israel entsandt – und im Mai 1967 mit dem Irak und mit Jordanien  Verteidigungsverträge geschlossen. Als unmittelbarer Auslöser des Krieges gilt aber Nassers Sperrung der Straße von Tiran, der engen und strategisch äußerst wichtigen Durchfahrt im Roten Meer zum israelischen Hafen Eilat zwischen der Südspitze der Sinai-Halbinsel und Saudi-Arabien.


Wer kennt „die Wahrheit“?

Buchcover von Tom Segev: 1967 – Israels zweite Geburt Siedler Verlag, München 2007

Es gibt mittlerweile andere Interpretationen der geschichtlichen Ereignisse jener Zeit. Die sogenannten „new historians“ – jüdische israelische Historiker, die sich kritisch mit der israelischen Geschichte befassen – haben mittlerweile belegt, dass die Mehrheit der militärischen und politischen Führung in Israel nicht davon ausging, dass Nasser angreifen wollte. Sie befürchtete jedoch, dass Abschreckungspotenzial und Verteidigungskraft Israels geschwächt und Nasser zu mächtig werden könnte, so dass ein Präventivschlag bzw. –krieg notwendig sein werde. Die militärische Führung, vor allem Jitzchak Rabin, forderte ein sofortiges Handeln. Die Mehrheit der Regierungsmitglieder, insbesondere Ministerpräsident Levi Eschkol, der zugleich das Amt des Verteidigungsministers bekleidete, sprach sich dafür aus abzuwarten, wie der Historiker Tom Segev in seinem Standardwerk 1967 – Israels zweite Geburt berichtet.


Alternativen zum Krieg

Jedoch war die Regierung nicht in der Lage, Alternativen für einen Präventivkrieg zu entwickeln – zu sehr war sie mit innenpolitischen Themen und Querelen beschäftigt: Rezession, steigende Arbeitslosigkeit, das weit verbreitete Gefühl, „Frieden sei unerreichbar“ (Segev, S. 345) und heftige Auseinandersetzungen in der Regierungskoalition – zuletzt um die Frage, wie man mit den Ambitionen Moshe Dayans auf den Posten des Verteidigungsministers umgehen solle – ließen das Vertrauen in Ministerpräsident Eschkol vollends in den Keller rutschen . Politische Lösungen schienen nicht in Sicht, innenpolitische Einigung schon gar nicht. Am 1. Juni musste Eschkol seinen Posten als Verteidigungsminister räumen und Dayan nahm seinen Platz ein.


Links die Generäle Ze’evi und Narkiss, in der Mitte Verteidigungsminister Moshe Dayan, rechts Yitzchak Rabin in Jerusalem kurz vor dem Ende des Krieges (Quelle: IDF archive)

Yigal Allon, hoher Militär und 1967 Arbeitsminister, machte später laut Segev die innenpolitische Situation als Auslöser des Krieges aus: Die Hauptursache für den Krieg sei nicht die Lage an der Grenze gewesen, sondern die Vertrauenskrise der Regierung Eschkol (Segev, S. 402). In die gleiche Richtung äußerte sich Nachum Goldmann, Präsident des Jüdischen Weltkongresses 1949-1978 in einem Interview mit Der Spiegel 1982: „Der Sechs-Tage-Krieg von 1967 war … ein Unglück für Israel. Damals begann die größenwahnsinnige Expansion, diese Aggressivität. Nasser wollte den Krieg nicht.“

So kam es am 5. Juni zur Zerstörung der ägyptischen Luftwaffe am Boden durch israelische Kampfjets. In den Folgetagen drang auf ägyptischer Seite die israelische Armee über den Sinai bis an den Suezkanal und nahm den Gazastreifen ein. Im Norden folgte die Einnahme der syrischen Golanhöhen, im Osten das Zurückdrängen der jordanischen Streitkräfte aus der gesamten Westbank und die Einnahme Ost-Jerusalems. Am 10. Juni 1967 wird der Krieg für beendet erklärt; ab sofort gilt die Sinai-Halbinsel, der Gazastreifen, die Golanhöhen und die gesamte Westbank als von Israel besetztes Gebiet. Ost-Jerusalem wird durch Erklärung Israels annektiert.


Folgen des Krieges

Israel hat nun das ganze Land, dass es sich eigentlich wünscht, aber „leider“ auch die dazugehörige Bevölkerung zu verwalten. Offensichtlich hatte es dafür keine Pläne zuvor gegeben. Die strategischen Überlegungen der israelischen Regierung für die Nachkriegszeit lassen sich, als hochinteressantes Zeitzeugnis, aus dem Gespräch zwischen Augstein und Eschkol in der SPIEGEL- Ausgabe vom 10. Juli 1967 nachlesen.

„Sei kein Kompromißler!“, hatte David Ben Gurion seinen Nachfolger Levi Eschkol gewarnt (Quelle: spiegel.de)


 

 

Linke israelische Aktivisten begrüßen zunächst die Gelegenheit, gemeinsam mit Palästinensern neue Wege beschreiten zu können; man trifft sich im Café Ta’amon in Jerusalem und bespricht, wie man gemeinsam leben und arbeiten kann. Einige Intellektuelle wie der junge Amos Oz warnen: „Wir sind dazu verdammt über ein Volk zu regieren, das nicht von uns regiert werden will.“ Die Besatzung wird als „temporärer militärischer Zustand“ deklariert – woran sich übrigens nach offizieller israelischer Lesart 50 Jahre danach bis zum heutigen Tag nichts geändert hat.


Diesen Text schrieb Amos Oz im August 1967 (Quelle: Jubilee Haggadah, New Israel Fund)

Es verging kein Jahr, bis die ersten Siedler sich in der besetzten Westbank niederließen. Unter sämtlichen israelischen Regierungen, besonders massiv unter den linken, wurde der Siedlungsbau vorangetrieben. Daran änderte weder der 1979 geschlossene Friedensvertrag mit Ägypten etwas, noch die Erste Intifada 1988, auch nicht der Beginn der Verhandlungen in Oslo 1993 oder der Friedensvertrag mit Jordanien 1994. 1995 wurden die Osloer Verhandlungen, bekannt als „Oslo II“, fortgesetzt: Sie führten zur Aufteilung der Westbank in Zonen A, B und C – und zum Aufschub aller relevanten Themen wie der Flüchtlingsfrage, der Frage der Grenzen, des Wassers und der Lufthoheit sowie des Status von Jerusalem, die bis heute nicht verhandelt werden.

Im Sommer 2000 scheiterten die letzten Gespräche zwischen Jassir Arafat und Ehud Barak in Camp David. Ariel Sharon, der 2001 Barak als Ministerpräsident ablösen sollte, entzündete durch eine provokative Begehung des Tempelbergs im September 2000 den Beginn der Zweiten Intifada, in deren Folgen es jahrelang blutige Anschläge und Militärschläge mit über 1.000 israelischen und über 3.500 palästinensischen Todesopfern und vielen Verletzten auf beiden Seiten gab. Seit 2001 wird bis heute die Mauer völkerrechtswidrig zur Annexion palästinensischen Gebiets gebaut, der Siedlungsbau fortgesetzt und vor allem die nur für Israelis nutzbare Infrastruktur in der Westbank intensiviert. 2006 fanden freie demokratische Wahlen in der Westbank statt, aus denen die Hamas als klare Siegerin hervorging. Die Wahlergebnisse wurden international nicht anerkannt und die Wahlverliererin Fatah wurde gegen die Hamas in Stellung gebracht; diese musste sich aus der Westbank auf Gaza zurückziehen, einen Küstenstreifen, der seitdem kollektiv mit seinen fast 2 Millionen Einwohnern durch internationale Sanktionen und die israelische Blockade „bestraft“ wird.


2017: 50 Jahre Besatzung und kein Ende?

In diesen Tagen jährt sich der Juni-Krieg sowie die Besatzung zum 50. Mal. Die hier kurz beschriebenen Folgen geben nur einen marginalen Einblick in die wirkliche Katastrophe, die mit dieser in der Geschichte einmaligen Besatzung (Ausnahme: Tibet) einhergeht. Wer sich intensiver mit Zahlen und Fakten beschäftigen möchte, kann hier den UN-Bericht zu 50 Jahre Besatzung lesen.

Im nächsten Thema der Woche werden wir Ihnen weitere Infos und Material zu dem Kernthema von BIB, der Besatzung, zur Verfügung stellen.


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10 Gedanken zu “BIB Thema der Woche #25: „Sechs-Tage-Krieg“

  1. Es ist schade, daß Sie die entscheidende Stelle aus „1967“, aus der ersichtlich wird, daß das gängige israelische Narrativ zur Begründung des Sechs-Tage-Kriegs eine Lüge war, nicht zitieren. Also tu ich es. 🙂

    „Warhaftig fragte Dayan, wie sich ein israelischer Erstschlag als Reaktion darstellen ließe. Vielleicht könne man etwas inszenieren? »Wir brauchen ein Alibi«, meinte auch Minister Bentov. Dayan antwortete: »Ich habe keine anderen Tricks auf Lager als zuzuschlagen. Falls jemand eine bessere Idee hat, werde ich mich ihr anschließen.« Zur Möglichkeit, ein israelisches Schiff als Provokation in den Golf von Akaba zu schicken, meinte Dayan: »Absoluter Selbstmord.« Allon fand, der Ministerpräsident solle den Staatschefs der Welt verkünden, dass die Ägypter angegriffen hätten. Minuten später werde Israel dann reagieren. Der Ministerpräsident werde zwar eine Lüge riskieren, die Wahrheit würden jedoch nur die Historiker erfahren. »Ich glaube nicht, dass die Amerikaner den Ereignissen auf den Grund gehen werden«, sagte Allon.

    In der Entschließung, die schließlich formuliert wurde – und über die, wie Eschkol betonte, die Geschichte ihr Urteil fällen werde -, hieß es, Israel gehe gegen einen »sich um das Land zuziehenden Ring der Aggression« vor. Eschkol und Dayan wurden ermächtigt, den Zeitpunkt des Angriffs festzulegen. »Mir fällt ein Stein vom Herzen«, schrieb Minister Gvati.“ (Tom Segev: „1967“, S. 401.)

    Ihr Beitrag erweckt außerdem ein wenig den Eindruck, daß Israel ja nicht anders konnte und daß, so Oz, ja nur eine kurze Okkupation nötig gewesen wäre usw. Das ist im Lichte der jüngsten Erkenntnisse der historischen Forschung eindeutig falsch. Lt. Ilan Pappé plante eine Kommission unter der Leitung von Colonel Michael Shaham bereits ab 1963 die Übertragung der Militärgesetzgebung auf West Bank und Gazastreifen. Die am 1.5.1967 fertiggestellten Handbücher zum Shaham-Plan wurden ab Mai an die künftigen Gouverneure verteilt. (Ilan Pappé: „Ten Myths About Israel“, p. 74.)

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  2. Insgesamt ein fantastischer Beitrag! Der UNO Bericht ist ungemein nützlich, faktenreich und vollständig. Ich muss aber Gesine Hammerling beipflichten – bezüglich des Sechs-Tage-Kriegs hat sie nämlich bestimmt recht.
    (Die folgenden Angaben sind leider etwas ungenau, da ich mich in Melbourne, Australien befinde, weit weg von meiner Bibliothek). In seinem autobiografischen Buch „The General’s Son“ beschreibt Meiko Peled, wie er als junger Mann und Sohn eines israelischen Generals zum STK in den israelischen Staatsarchiven recherchierte. Zu seiner großen Überraschung stellte er fest, dass die israelischen Generäle sich 1967 keineswegs von der ägyptischen militärischen Präsenz im Sinai bedroht fühlten. Ihrer Meinung nach hätten die Ägypter, die gerade angekommen waren, noch anderthalb bis 2 Jahre gebraucht, um sich dort zu etablieren. Im Gegenteil, sie argumentierten, dass sich hier eine perfekte Möglichkeit anbot, die ägyptische Armee vernichtend zu schlagen, gleichsam vor der eigenen Haustür. In der Tat war es auch so – der Krieg war nicht nach sechs Tagen sondern nach einem Tag gewonnen. Von all den Leuten, die vor ihm darüber recherchierten, hat keiner es gewagt oder für nötig gehalten, diesen Tatbestand weiterzugeben.

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    1. Eine vorzügliche Zusammenfassung der Ereignisse bis zum Sechs-Tage-Krieg sowie gründliche Würdigung aus völkerrechtlicher Sicht bietet John Quigley: „The Six-Day War and Israeli Self-Defense: Questioning the Legal Basis for Preventive War“. Unverzichtbar.

      http://www.buecher.de/shop/englische-buecher/the-six-day-war-and-israeli-self-defense-questioning-the-legal-basis-for-preventive-war/quigley-jo/products_products/detail/prod_id/37457693/

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  3. So habe ich diese Geschichte noch nicht gelesen! Sehr gut! Wir müssen uns, egal wo, wehren gegen das „Patentrezept“, innenpolitische Schwierigkeiten durch Kriege zudecken und vergessen machen zu wollen.

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  4. Heiko Flottau’s picture
    Israel
    Nassers Irrtum gebiert Desaster

    Von Heiko Flottau, 31.05.2017
    Vor fünfzig Jahren begann der Sechstagekrieg. Er veränderte den Nahen Osten mit unbewältigten Folgen bis heute. Schlaglichter und Analysen in drei Teilen. Teil 2

    In der sich aufheizenden Atmosphäre im Frühjahr 1967 stiess Nasser an die Grenzen seiner Politik. Er machte entscheidende Fehler. So forderte er etwa UN-Generalsekretär U Thant auf, die UN-Truppen (Unef: United Nations Emergency Force) vom Sinai abzuziehen, schickte selber mehr ägyptische Soldaten auf die Halbinsel und schloss die Strasse von Tiran für die israelische Schifffahrt.

    Fehlkalkulation

    Zwar war diese Blockade für Israel nicht lebensgefährlich – alle israelischen Mittelmeerhäfen blieben offen. Avi Shlaim schreibt, Nasser habe den psychologischen Effekt seiner Massnahme durchaus gekannt: Denn Israels Strategie sei es immer gewesen, seinen eigenen Willen seinen Feinden aufzuerlegen und nicht auf einseitige Schritte dieser Feinde zu reagieren. „Indem er die Strasse von Tiran für die israelische Schiffahrt schloss, liess er (Nasser) sich auf ein fürchterliches Spiel ein – und er verlor.“

    Avi Shlaim fügt hinzu, im Grunde sei es Israel nicht um die Strasse von Tiran gegangen, sondern um sein Überleben. (3) Diesen Reflex, durch den Holocaust tief in die jüdische Seele eingegraben, hatte Nasser allerdings nicht einkalkuliert.

    Totale Niederlage

    Am Kulminationspunkt der immer wieder aufbrechenden politischen und militärischen Konflikte sah Israel 1967 – neunzehn Jahre nach seiner Gründung – abermals eine grosse Chance gekommen, durch einen militärischen Schlag Nasser politisch entscheidend zu schwächen. Am Morgen des 5.Juni 1967 vernichtete Israel – in einem völkerrechtlich zweifelhaften Präventivkrieg – die ägyptische Luftwaffe. Unter dem Befehl von Ariel Scharon eroberte die israelische Armee den Suezkanal und die Halbinsel Sinai. Auch der arabische Ostteil Jerusalems wurde besetzt (und 1980 annektiert). Am 10.Juni war der Krieg zu Ende.

    700‘000 Palästinenser wurden vertrieben. Das eigens 1949 für palästinensische Flüchtlinge gegründete UN-Flüchtlingshilfswerk UNWRA (United Nations Works and Relief Agency for Palestinian Refugees in the Near East) zählt insgesamt 3,7 Millionen palästinensische Flüchtlinge – das sind jene, die im Krieg von 1948/49 und jene die 1967 vom israelischen Militär vertrieben wurden und deren Nachkommen.

    Anders als 1948/49, als die Araber ihre Niederlage gegen Israel ihren eigenen korrupten Regierungen anlasten konnten, war die Katastrophe von1967 eine Niederlage der Araber selbst. Der von Nasser geschaffene arabische Nationalismus – dahin. Der von Nasser praktizierte Sozialismus arabischer Spielart – dahin.

    Fatale Kolonialpolitik

    Nasser, der Herausforderer der alten Kolonialmächte England und Frankreich und des von ihnen geschaffenen Staates Israel war zwar nicht, wie von Anthony Eden einst gefordert, getötet worden, aber politisch entscheidend geschlagen. Letztlich war diese arabische Niederlage auch ein Erfolg der englischen Kolonialpolitik. Die hatte es erreicht, die arabische Welt nach dem ersten Weltkrieg in kleine Parzellen einzuteilen: Irak, Syrien, Jordanien, Libanon, das Mandatsgebiet Palästina – alles Gebilde, die es bis dato nicht gegeben hatte. Diese Vivisektion und die mit ihr verbundene Übertragung des europäischen Nationalstaatsgedankens auf eine von Stämmen geprägte Region, die 1916 erstmals im englisch-französischen Sykes-Picot-Geheimabkommen geplant worden war, raubte den Arabern die Chance, sich in einem gemeinsamen Staat oder einem Staatenbund zu organisieren.

    Gravierender war das Desaster der Niederlage von 1967 für die arabische Psyche. Der palästinensische Nasser-Biograph Said K. Aburish schreibt, die arabische Jugend sei nicht in Schützengräben untergegangen, in denen sie heroisch gegen die Kolonialmächte und gegen die Zersplitterung ihrer Heimat durch das Sykes-Picot-Abkommen gekämpft hätte. Im Gegenteil: „Sie (die arabische Jugend) wurde zu einer verlorenen Generation, weil sie ihre Ehre verlor und weil sie genauso (für die Niederlage) verantwortlich war wie ihre Führer und die Regierungen, an deren Spitze ihre Führer standen.“ Daher, so Aburish, sei diese Niederlage „unerwartet in ihrer Totalität und betäubend in ihrer Proportion sowie seelenzerstörend in ihrer Auswirkung“ die grösste Katastrophe der Araber im 20. Jahrhundert.“(4)

    Die Stunde des politischen Islam

    Letztlich war die Katastrophe von 1967 auch die Geburtsstunde des politischen Islam. Nachdem alle europäischen Importideologien wie Nationalismus, Sozialismus oder Liberalismus im arabisch-muslimischen Kulturraum gescheitert waren, bekam das Schlagwort: „Islam ist die Lösung“ – angebracht an Taxis, Kleinbussen, Häuserwänden – immer mehr Zustimmung. Nachdem der Revolutionär und Geistliche Ayatollah Chomeini 1979 in Iran die Macht vom korrupten Schah-Regime übernommen und damit den anglo-amerikanischen Putsch gegen den iranischen Premier Mohammed Mossadeq von 1953 in sein Gegenteil verkehrt hatte, wurde der politische Islam endgültig zu einer festen Grösse in der Region, aber auch auf der weltpolitischen Bühne.

    Die Besetzung des Westjordanlandes, Ostjerusalems und des Gazastreifens im Juni 1967 brachte erstmals das gesamte historische Palästina unter israelische Kontrolle. Der Staat Israel und die Bewegung des Zionismus standen vor der Frage, was mit den eroberten Gebieten zu tun sei. Der israelische Auslandsgeheimdienst Mossad sandte unmittelbar nach dem Sieg Vertreter in die Gebiete, die mit palästinensischen Vertretern über die Zukunft diskutierten.

    Die Arroganz der Macht

    Die Empfehlung der Geheimdienstler: Israel solle unter der Kontrolle seiner Armee und in Übereinstimmung mit der palästinensischen Führung „einen unabhängigen palästinensischen Staat“ schaffen. (5) Die israelischen Autoren Idith Zertal und Akiva Eldar kommentieren diesen „revolutionären Vorschlag“, wie sie schreiben, mit den Worten, dass die Annahme dieses Ratschlags „die Geschichte Israels und des gesamten Mittleren Ostens“ in eine andere Richtung hätte lenken können. Aber, schreiben die Autoren, „die Stimme der Klugheit und der Voraussicht“ der Mossadleute sei im „Geschrei und in der Euphorie jener Tage“ verloren gegangen.

    Es war vor allem ein Mann wie Hannan Porat, Rabbi und Politiker, welcher die Regierung drängte, etwa an einem Ort wie Kfar Etzion südlich von Jerusalem, eine Siedlung zu bauen – in Erinnerung an den 13. Mai 1948, den Tag vor der offiziellen Gründung Israels – als 129 Kämpfer der Haganah und Kibutzbewohner im Kampf gegen Palästinenser gefallen waren. Die Leute um Hannan Porat, Mitglieder des national-religiösen Lagers, sahen den Sieg vom Juni 1967 als „Big Bang“, welcher dem religiösen Zionismus die Möglichkeit gegeben habe, durch den Bau jüdischer Siedlungen in den eroberten Gebieten „am nächsten Schritt der Erlösung“ teilzunehmen. (6)

    Früh setzte sich so der Gedanke in den Köpfen israelischer Politiker fest, die eroberten Gebiete durch den Bau von jüdischen Siedlungen langsam aber sicher immer enger an Israel zu binden. Schon im September 1967 empfahl ein Komitee unter der Leitung von Schimon Peres, rund um Jerusalem Siedlungen zu bauen. Auch sollten Plätze, die man im Krieg von 1948/49 hätte verlassen müssen, neu besiedelt werden, unter anderem Hebron.

    Bruch der vierten Genfer Konvention

    Im Frühjahr 1968 fand sich eine Gruppe von Israelis unter Leitung des Rabbi Moshe Levinger zur Feier des Passover-Festes in Hebron ein, versprach aber dem palästinensischen Bürgermeister, am nächsten Tag wieder abzureisen. Das geschah nicht. Oberhalb Hebrons entstand die Siedlung Kiryat Arba. Die Siedlung wurde zu einem berüchtigten Ort. Am 25.Februar 1994 drang Baruch Goldstein, Siedler aus Kiryat Arba, in die Patriarchengruft von Hebron ein, tötete 29 betende Palästinenser und verwundete 150. Goldstein wurde getötet, die Siedler von Hebron bauten ihm ein Heldendenkmal.

    Mit dem Bau der Siedlung Kiryat Arba begann ein Bruch internationalen Rechtes, der bis heute fortdauert. Denn nach der vierten Genfer Konvention von 1949 ist es einer Besatzungsmacht nicht erlaubt, ein erobertes Gebiet mit eigenen Staatsangehörigen zu besiedeln. Da die – zu Unrecht so genannte – „internationale Gemeinschaft“ diesen Bruch des Völkerrechtes schon ein halbes Jahrhundert lang hinnimmt, wohnen heute in den 1967 eroberten Gebieten inklusive des arabischen Ostteils von Jerusalem etwa 500‘000 Siedler.

    Zerstörung palästinensischer Häuser

    Ihre Wohnblöcke reichen weit in die besetzten Gebiete hinein, so dass die Gründung eines unabhängigen selbstständigen palästinensischen Staates unmöglich ist – zumal diese Siedlungen über eine eigene, vom palästinensischen Umland unabhängige Infrastruktur verfügen. Nach Angaben des „Office for the Coordination of Humanitarian Affairs“ (OCHA), einer UN-Organisation, hat es bereits im Jahr 2008 im Westjordanland insgesamt 1661 Strassen gegeben, welche nur von Siedlern und deren Angehörigen benutzt werden dürfen und welche, mithin, für Palästinenser geschlossen sind.

    Jede dieser Strassen, die viele Siedlungen miteinander verbinden und oft direkt nach Jerusalem führen, hat auf beiden Seiten eine Pufferzone von bis zu 75 Metern, die von Palästinensern nicht betreten werden darf. Zum Bau dieser „Nur-für-Israeli-Strassen“ wurden ungerechnet etwa 168 Quadratkilometer palästinensischen Landes konfisziert.

    Um möglichst viel Land für Israel zu requirieren, werden viele palästinensische Häuser, von den Israelis als „illegale Strukturen“ bezeichnet, abgerissen. Nach Angaben des „Israeli Committee Against House Demolitions“ – einer von Jeff Halper, einem aus New York eingewanderten Juden, gegründeten Organisation – sind seit 1967 insgesamt 48‘488 palästinensische Häuser von den israelischen Behörden zerstört worden.

    (3) Avi Shlaim: The Iron Wall. Israel and the Arab World. London 2000, S. 237 f.

    (4) Said K. Aburich: „Nasser – The Last Arab.“ New York 2001, S. 249

    (5) Idith Zertal, Akiva Eldar: „Lords of the Land. The War over Israel‘s Settlements in the Occupied Territories 1967–2007, New York 2009, S.7

    (6) All dies bei Zertal/Eldar, a. a. O. S. 4f., S. 7f.

    Dieser Beitrag ist in den Blättern für Deutsche und Internationale Politik, Juniausgabe 2017, erschienen und wurde für das Journal21.ch vom Autor überarbeitet und erweitert.

    Teil 1 dieser Serie erschien am 29. Mai 2017 unter dem Titel: Sechs Tage für die Ewigkeit

    Teil 3 folgt.

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    1. Offen gesagt: Ich kann die in Teil 2 der Satire vertretene Meinung, Israel solle mit der palästinensischen Führung einen palästinensischen Staat schaffen, nicht mehr hören. Diese Version der Geschichtsklitterung hängt mir schlicht zum Hals heraus. Die Fakten sind andere: Palästina existierte bereits.

      Lt. Artikel 22 der Völkerbundstatuten konnte den ehemaligen Kategorie-A-Staaten der Status eines unabhängigen Staates zuerkannt werden. Bis diese Staaten auf eigenen Beinen stehen konnten, wurden sie durch Mandatoren beraten („tutelage“) — Staaten aber mußten sie dann schon sein, nicht wahr? In der Tat hatte das Osmanische Reich im Friedensvertrag mit dem Völkerbund, also dem Vertrag von Lausanne, jede Souveränität auf die ehemals besetzten Gebiete aufgegeben und sie den Staaten, die dadurch entstanden, überantwortet (Art. 30 des Vertrags). Also war Palästina spätestens ab 1924 Staat.

      Die von der Politikwissenschaft vorgegebenen Parameter galten: Selbstverwaltung in einem fest umrissenen Gebiet, das Vorhandensein einer einheimischen Bevölkerung, die auf gemeinsame Sprache, Geschichte und Kultur zurückgriff, also eines Volkes, und die internationale Anerkennung waren vorhanden. So wurde 1925 die Palestinian Citizenship Ordinance erlassen, welche ihrerseits eine Verpflichtung aus Art. 7 des Mandats war. Parallel dazu wurde eine eigene Währung aufgelegt: das Palästinensische Pfund. Daß die Staatsbürgerschaft Palästinas keine Unterabteilung der britischen Staatsangehörigkeit war, wissen wir aus dem Berufungsverfahren King vs. Ketter. Die Begründung des Gerichts war eindeutig: Großbritannien hatte kein Territorium vom Osmanischen Reich übereignet bekommen — andernfalls, so der Criminal Court of Appeal, wäre das Mandat unsinnig.

      Was die internationale Anerkennung angeht, so war Palästina Vertragspartner Ägyptens, Jordaniens, der Schweiz, der USA, Frankreichs oder Italiens.

      Die Verlautbarungen von Arafat & Co. bezüglich der angeblichen „Ausrufung des Staats Palästinas“ — was für eine gigantische Manipulation der Medien des Westens durch Wording — war immer nur eine Bestätigung des Fortbestehens Palästinas. Deswegen heißt die das Land regierende Behörde auch nicht wahrheitswidrig „Autonomiebehörde“ — von wem eigentlich autonom? dort ist nicht Israel –, sondern Palästinensische Nationale Behörde oder Palestinian National Authority. N-a-t-i-o-n-a-l.

      Die Souveränitätsrechte eines Volkes werden auch nicht durch Besetzung ausradiert; andernfalls wäre Polen nach dem Interregnum nicht wieder existent geworden.

      Lektüreempfehlungen:
      John Quigley: „The Statehood of Palestine“
      Henry Cattan: „Palestine and International Law“
      Rashid Kalidi: „Palestinian Identity“

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  5. Heiko Flottau’s picture
    Israel
    Mauern statt Frieden

    Von Heiko Flottau, 03.06.2017
    Vor fünfzig Jahren begann der Sechstagekrieg. Er veränderte den Nahen Osten mit unbewältigten Folgen bis heute. Schlaglichter und Analysen in drei Teilen. Teil 3

    In einer Rede vor dem UN-Sicherheitsrat vom 28.Dezember 2016 beklagte der damals noch amtierende US-Aussenminister John Kerry, dass es in dem von Israel allein kontrollierten Teil des Westjordanlandes in den Jahren 2014 und 2015 nur eine einzige Baugenehmigung für Palästinenser gegeben habe; im selben Zeitraum dagegen seien Hunderte neuer Siedlungshäuser errichtet worden.

    Die Besatzung

    Auch seien im Jahr 2016 etwa 1´300 Palästinenser, darunter 600 Kinder, durch Zerstörungen ihrer Häuser heimatlos geworden. In seiner Rede fasste mit John Kerry erstmals ein US-Aussenminister die schreckliche Lage der Palästinenser so zusammen: „Derzeit leben 2,75 Millionen Palästinenser unter militärischer Besatzung. … In ihren täglichen Bewegungen sind sie durch ein Netz von Kontrollposten behindert. Ohne eine israelische Erlaubnis dürfen sie nicht in die Westbank hinein oder aus der Westbank hinaus reisen. Wenn es nur einen (israelischen, Anm. des Autors) Staat gäbe, würden Palästinenser in der Mitte der Westbank in von einander getrennten Enklaven leben, ohne wirkliche politische Rechte … unter permanenter militärischer Besatzung, die sie der fundamentalen Freiheiten berauben würde. … Würde irgendein Israeli so leben wollen? Würde irgendein Amerikaner so leben wollen?“

    Wie schon in den Jahren 1936-1939, als die Palästinenser im von ihnen so bezeichneten „Grossen Arabischen Aufstand“ gegen die jüdische Einwanderung und gegen die britische Mandatsmacht kämpften, riefen sie auch unter rein israelischer Besatzung zum Widerstand – in der ersten Intifada von 1987 bis 1993 und – nachdem die mit der PLO abgeschlossenen so genannten Friedensverträge von Oslo – nicht zur Gründung eines eigenen Staates geführt hatten – von 2000 bis 2005.

    Mauern, Mauern, Mauern

    Die politische Erfolglosigkeit der PLO führte zur Gründung radikalerer Widerstandsgruppen wie der Hamas und des „Islamischen Dschihad“. Um sich vor palästinensischen Selbstmordattentätern zu schützen – bei denen etwa in der Stadt Netanja zwischen 1995 und 2005 siebzig israelische Zivilisten getötet und Hunderte verletzt wurden – baute Israel einen Sperrwall. Dieser Sperrwall allerdings dient auch weiterer Landnahme und der Zerstörung der Lebensgrundlagen der Palästinenser.

    Während etwa die Grenze zwischen Israel und dem Westjordanland nur 314 Kilometer zählt, beträgt die Länge der Mauer etwa 700 Kilometer. Denn allein Städte wie der überwiegend von Palästinensern bewohnte Ostteil Jerusalems sind von 166,5 Kilometer Mauer umgeben, eine Stadt wie Qalqilia im Norden ist von der Mauer vollständig eingekreist. Nur durch einen Tunnel, dessen Zugang leicht von israelischem Militär zu kontrollieren ist, gelangt man in die Stadt. Für den Bau der Mauer wurden 35.411.250 Quadratmeter palästinensischen Landes entschädigungslos enteignet. Von den insgesamt neun Millionen Olivenbäumen im Westjordanland sind gut eine Million nach dem Mauerbau nur noch schwer oder gar nicht für die palästinensischen Besitzer zugänglich. Zwischen 2000 und 2005 haben die Israelis 465´945 Olivenbäume gefällt.(8)

    Politische Unerbittlichkeit

    In den fünf Jahrzehnten seit dem Junikrieg von 1967 versuchten alle israelischen Regierungen, palästinensischen Widerstand gewaltsam zu unterdrücken. Zum Symbol für diese unnachgiebige Haltung wurde einer der Führer der zweiten Intifada, Marwan Barghouti. Barghouti wurde von Israel am 6.Juni 2004 als „Terrorist“ zu einer mehrfachen lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt. Zum Vergleich: Auch Nelson Mandela war – etwa für Ronald Reagan und Margret Thatcher – ein „Terrorist“. Insgesamt 27 Jahre sass er in Haft.

    Beigetragen zu dieser politischen Unerbittlichkeit hat der Mord an Premierminister Yitzhak Rabin am 4.November 1995. Der Täter, Yigal Amir, war ein kompromissloser Gegner der Friedenspolitik Rabins. Kronzeugen für die Verschärfung der israelischen Politik nach dem Mord sind keine anderen als ehemalige Chefs des Inlandsgeheimdienstes Schin Bet.

    Das fatale Wirken des Schin Bet

    In dem Film „Töte zuerst“ des israelischen Dokumentarfilmers Dror Moreh (7) äussern sie sich zu diesem Mord und über ihre militärischen Angriffe auf palästinensische „Terroristen“, wie sie sagen – etwa über die Ermordung von Hamasführer Scheich Yassin am 22.März 2004 und die Liquidierung des Bombenbauers Yahya Ayash am 5.Januar 1995. Die Schlussfolgerungen, welche die Geheimdienstleute aus dieser Politik der Vergeltung ziehen, sind überraschend. Nach Jahren der Kriegführung gegen die Palästinenser geben die Interviewten zu, dass all ihre Gewalt zu keiner friedlichen Lösung geführt habe. Mehr noch: Der Mord an Rabin durch einen radikalen Siedlerfreund wie Yigal Amir habe allmählich zu immer grösserer Unnachgiebigkeit gegenüber den Palästinensern geführt.

    Ami Ayalon, Schin-Bet-Chef von 1996 bis 2000, gibt zu Protokoll: „Im Nachhinein hat das meine ganze Welt verändert. Plötzlich sah ich Israel mit anderen Augen. Mir war das ganze Ausmass von Hetze und Hass gar nicht bewusst gewesen. Die Kluft in unserer Gesellschaft, wie wir unsere Zukunft sehen … oder warum wir überhaupt hierher gekommen sind.“

    Avi Dichter, Schin-Bet-Direktor von 2000 bis 2005, räumt ein, dass die israelische Politik, palästinensischen gewaltsamen Widerstand mit Ermordung der Anführer zu beantworten, nichts als weitere Aufstände provoziere. Er sagt: „Es lief klar auf eine neue Intifada hinaus, auf den Aufstand eines Volkes, das glaubt, es habe nichts mehr zu verlieren.“ Und er fügt hinzu: „Wir wollen Sicherheit und bekommen Terror, sie wollen einen Staat und sehen immer mehr Siedlungen.“

    Yuval Diskin, Schin-Bet-Direktor von 2005 bis 2011, sieht die Aussichtslosigkeit der israelischen Kriegführung: „So bekommen wir keinen Frieden. Frieden müssen wir uns aufbauen, auf einer Vertrauensbasis, mit oder ohne militärische Schritte.“

    Carmi Gillon, Schin-Bet-Direktor von 1994-1996, fordert ernsthafte Verhandlungen mit den Palästinensern: „Israel kann sich den Luxus nicht leisten, nicht mit dem Feind zu reden.“

    Avraham Shalom, Schin-Bet-Direktor von 1981 bis 1986, stimmt zu: „Ich würde mit allen reden, ausnahmslos, auch mit der Hamas und auch mit dem Islamischen Dschihad. Das schliesst auch Ahmadinedchad ein.“ (zum Zeitpunkt der Aussage iranischer Präsident).

    Verpasste Chancen

    Unmittelbar nach dem Krieg von 1967 empfahl der Auslandsdienst Mossad die Gründung eines palästinensischen Staates. Knapp ein halbes Jahrhundert später empfahl der Inlandsdienst Schin Bet, Israel müsse mit allen seinen Feinden sprechen. Die Oslo-Verträge zwischen der PLO und Israel von 1993 und 1995 weckten zwar die Hoffnung auf eine friedliche Lösung. Aber, wie Ami Ayalon sagt, der Mord an Yitzhak Rabin habe die israelische Haltung verschärft: „Ein kleiner elender Angreifer mit einer kaum tauglichen Pistole“ habe alle Hoffnungen auf eine politische Wende zunichte gemacht.

    Selten in der Geschichte hat die überlegene Partei politisch klug gehandelt. Nach dem Zerfall der Sowjetunion erklärte sich der Westen zum Sieger, sprach vom „Triumph westlicher Werte“ (9) – und verpasste es, die mögliche Chance auszuloten, zusammen mit dem Unterlegenen ein gemeinsames Sicherheitssystem in Europa aufzubauen. Statt dessen dehnte man die Nato bis zur russischen Grenze aus. Ähnlich kurzsichtig handelte Israel. 1967 ging der weise Ratschlag, einen palästinensischen Staat zu gründen, in der blinden Euphorie des Sieges unter. 2017 ist in Israel eine Regierung an der Macht, die ihre militärische Überlegenheit dazu nutzt, das gesamte historische Palästina unter jüdische Kontrolle zu bringen, die Palästinenser in Bantustans zu isolieren und damit einen Apartheid-Staat zu schaffen.

    Frieden: ein Schimpfwort

    Auch Besatzung ist Gewalt. Gewalt erzeugt Gegengewalt. Das ist das fatale Muster des vergangenen halben Jahrhunderts. Indem Israel erst allmählich, dann immer schneller das eroberte palästinensische Land besiedelt, hat es den Junikrieg von 1967 mit Landenteignungen, Bulldozern, Kränen, Betonmischern fortgesetzt. Israel leistet sich den „Luxus“, wie der ehemalige Schin-Bet-Chef Carmi Gillon sagt, „nicht mit dem Feind zu reden“.

    Frieden? Die israelische Regierung unter Premierminister Benjamin Netanjahu habe, schrieb die Süddeutsche Zeitung, „bewusst ein Klima geschaffen“, in welchem das „Wort Frieden zum Schimpfwort mutierte“. (10) Damit ist die Region – 50 Jahre nach dem Sechstagekrieg – von einem Frieden weiter entfernt denn je.

    (7) Originaltitel „The Gatekeepers“. Koproduktion 2012 von ARTE-Frankreich u.a. mit dem NDR. Bereits zweimal auf ARTE Deutschland gezeigt.

    (8) Saree Makdisi: Palästina. Innenansicht einer Belagerung. Laika Verlag Hamburg 2011, S. 55. Makdisi, libanesisch-palästinensischer Herkunft, ist in den USA als Literaturkritiker und als Kommentator arabischer Politik tätig.

    (9) Bernd Stöver: „United States of America – Geschichte und Kultur. Von der ersten Kolonie bis zur Gegenwart.“, München 2013, S. 520

    (10) Peter Münch: „Kollision mit Bibistan“, SZ vom 26.4.17, S.4

    Dieser Beitrag ist in den Blättern für Deutsche und Internationale Politik, Juniausgabe 2017, erschienen und wurde für das Journal21.ch vom Autor überarbeitet und erweitert.

    Teil 1 dieser Serie erschien am 29. Mai 2017 unter dem Titel: Sechs Tage für die Ewigkeit, Teil 2 erschien am 31. Mai 2017 unter dem Titel: Nassers Irrtum gebiert Desaster
    Sechs Tage für die Ewigkeit
    Nassers Irrtum gebiert Desaster

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  6. Die vporherigen Beiträge sind Teil zwei und Teil drei einer Serie in der Schweizer Internetzeitung http://www.journal21.ch. Teil eins wird, irrtümlich, erst jetzt gesendet. Autor jeweils Heiko Flottau
    Hier Teil eins:

    Heiko Flottau’s picture
    Israel
    Sechs Tage für die Ewigkeit

    Von Heiko Flottau, 29.05.2017
    Vor fünfzig Jahren begann der Sechstagekrieg. Er veränderte den Nahen Osten mit unbewältigten Folgen bis heute. Schlaglichter und Analysen in drei Teilen. Teil 1

    Als der deutsche Bundesaussenminister Sigmar Gabriel Ende April anlässlich seines Antrittsbesuches in Israel auch Vertreter der NGOs Breaking the Silence und B’Tselem traf, kam es zum Eklat: Ministerpräsident Benjamin Netanjahu sagte kurzerhand ein geplantes Gespräch mit Gabriel ab.

    Krieg gebiert Krieg

    Er empfange „keine Diplomaten anderer Länder, die Israel besuchen und sich dabei mit Organisationen treffen, die unsere Soldaten Kriegsverbrecher nennen“. (1) Die 2004 gegründete Organisation „Breaking the Silence“ veröffentlicht Erlebnisberichte israelischer Soldaten, die ihren Dienst in den besetzten Gebieten verrichten. B‘Tselem deckt seit 1989 Menschenrechtsverletzungen im Gazastreifen und in der Westbank auf.

    Offensichtlich will die Regierung Netanjahu – unmittelbar vor dem 50. Jahrestag des Sechstagekrieges – Debatten über die Folgen der israelischen Besatzungspolitik um jeden Preis verhindern. Der Sechstagekrieg zwischen Israel einerseits sowie Ägypten, Syrien und Jordanien andererseits begann am 5. Juni und endete am 10. Juni 1967. Seine Folgen wirken bis heute nach – als stetig wiederkehrende Kriege, die Besetzung ganz Palästinas durch Israel und den bis heute andauernden völkerrechtswidrigen Siedlungsbau in den eroberten Gebieten.

    Krieg gebiert Krieg. Das ist die bittere Lehre, welche die nahöstlichen Konvulsionen seit 1948 lehren. Eine weitere regionale Folge nach dem Waffenstillstand von 1949 war der Staatsstreich einer Gruppe „freier Offiziere“, wie sie sich nannten, in Ägypten. In der Nacht vom 22. auf den 23.Juli 1952 schickten diese Militärs unter der Leitung von General Mohammed Naguib und Oberst Gamal Abdel Nasser (dem späteren starken Mann der Gruppe) den von Grossbritanniens Gnaden regierenden König Farouk ins römische Exil.

    Der talentierte Oberst

    Die Begründung: Die ägyptische Armee habe 1948/49 im Krieg gegen Israel lust- und mutlos gekämpft, mithin die arabische Niederlage mitverschuldet. Erste Konsequenz des Putsches: Oberst Nasser wurde zum Schöpfer eines neuen arabischen Nationalismus, des Panarabismus, unter dessen Banner er in den politischen Kampf gegen Israel und dessen Schutzpatron, die alte Kolonialmacht England, zog.

    In London wollte man dieser politischen Wende nicht tatenlos zusehen. Als ein Beamter des Foreign Office, Anthony Nutting, im März 1956 dem britischen Premier Anthony Eden riet, Nasser diplomatisch zu isolieren und dadurch zu schwächen, rief Eden ins Telephon: „Was soll all dieser Unsinn, Nasser zu isolieren oder ihn zu neutralisieren, wie Sie es nennen ? Ich wünsche ihn ermordet, können Sie das nicht verstehen?“ Und er fügte hinzu, dass ihn das Chaos, das in Ägypten nach einem solchen gewaltsamen Regimewechsel entstünde, wenig interessiere. Für Eden war Nasser nichts weiter als ein „zweiter Hitler“.

    Trügerischer Erfolg

    Doch ein solcher Regimewechsel erwies sich als schwierig. Denn Nasser suchte für seinen Panarabismus auch internationale Stützpfeiler. Er fand sie in der Bewegung der Blockfreien. Zusammen mit dem Jugoslawen Josip Broz Tito, dem Indonesier Sukarno, dem Inder Jawaharlal Nehru, dem Cubaner Fidel Castro und dem Chinesen Tschu-en-Lai hatte sich Nasser bereits 1955 im indonesischen Bandung eingefunden. Delegierte aus insgesamt 23 asiatischen und sechs afrikanischen Staaten gründeten dort die Gruppe der Blockfreien, die weder dem Kapitalismus noch dem Kommunismus frönte. Israel stand nun einem international gestärkten Nasser gegenüber.

    Nasser nutzte seine Chance. Im Oktober 1956 verstaatlichte der von Eden mit dem Tode bedrohte arabische Führer den unter britischer Kontrolle stehenden Suezkanal; England, Frankreich und Israel intervenierten militärisch, Nassers Armee wurde geschlagen, Eden wähnte sich vor seinem Ziel. Doch der amerikanische Präsident Dwight Dean Eisenhower entzog den drei Aggressoren jedwede diplomatische Unterstützung. Und zeitgleich zur Suezinvasion schlug die Rote Armee den ungarischen Volksaufstand gegen die sowjetische Besatzung des Landes nieder. Wie konnte der Westen gegen das russische Eingreifen protestieren, wo er doch selber im Nahen Osten auf Kriegspfad war? Der erste Versuch, Nasser zu stürzen war gescheitert. Nun mussten Israel und seine Alliierten auf die zweite Chance warten. Allerdings feierte Israel im Geheimen doch einen Erfolg, einen Erfolg, der das Land einst unverwundbar machen sollte. Schimon Peres, damals Generaldirektor des Verteidigungsministeriums, erhielt in den Verhandlungen, die zur Suez-Intervention führten, die Zusage seiner Verbündeten, beim Aufbau des israelischen Atompotentials behilflich zu sein.

    Guerillakrieg gegen Israel

    Nasser versuchte derweil, den von ihm proklamierten Panarabismus mit Inhalt zu füllen – mit wechselndem Erfolg. Im Unabhängigkeitskrieg Algeriens gegen Frankreich (1954–1962) versorgte er die Aufständischen mit Waffen. Zum Menetekel indes wurde sein militärisches Engagement im jemenitischen Bürgerkrieg (1962–1970), in welchem er zur Unterstützung der Republikaner gegen den zaiditisch-schiitischen Imam 20‘000 ägyptische Soldaten schickte. Im Sechstagekrieg fehlten ihm viele der, allerdings schon erschöpften, Truppen – ein militärisches Defizit, das zur arabischen Katastrophe im Juni 1967 beitrug.

    Inzwischen formierte sich in der Region weiterer politischer und auch militärischer Widerstand gegen die durch die Gründung Israels geschaffene neue Ordnung. Im Oktober 1952 gründete Jassir Arafat zusammen mit einigen Gesinnungsgenossen in Kuwait seine Fatah-Organisation. Sie setzte sich die Vernichtung Israels zum Ziel (inzwischen widerrufen) und begann einen Guerillakrieg gegen Israel.

    Palästinensische Rebellen

    Guerilla-Attacken gegen Israel und Vergeltungsschläge des neuen Staates waren allerdings auch ohne Arafats Fatah schon damals an der Tagesordnung. Sie wurden zum Muster jener kriegerischen Konflikte, die schliesslich zum Sechstagekrieg von 1967 führten. Anfang Oktober 1953 etwa fielen aus dem kleinen palästinensisch-jordanischen Ort Qibia palästinensische Rebellen nach Israel ein und töteten eine Mutter und ihre zwei Kinder. Die Vergeltungsaktion der Israelis war harsch: Unter dem Kommando von Ariel Scharon drangen israelische Truppen in Qibia ein und töteten 71 Palästinenser. Dieses Massaker blieb so sehr im Gedächtnis der Einwohner von Qibia verwurzelt, dass sich ein Einwohner von Qibia, Suleyman Mustafa Hassan, fast genau vier Jahrzehnte später in Berufung auf das israelische Massaker von 1953 am 4.Oktober 1993, mit einem PKW-Kombi voller Dynamit vor der israelischen Siedlung Beit El bei Ramallah in die Luft sprengte und einen Israeli tötete und sechs verletzte.

    Einen entscheidenden Faktor, welcher zum Junikrieg beitrug, bildete das spannungsgeladene syrisch-israelische Verhältnis. Offizieller, von Israel propagierter Lesart zufolge waren es die Syrer, die immer wieder von den an Israel grenzenden Golanhöhen mit Artilleriefeuer Israel angriffen. Den Vorhang vor dieser Darstellung hat ausgerechnet Moshe Dayan, während des Junikrieges erstmals Verteidigungsminister, gelüftet. Danach hat das israelische Militär etwa 80 Prozent der syrischen Angriffe bewusst provoziert. In einem privaten Gespräch mit dem israelischen Journalisten Rami Tel hat Dayan im Jahre 1976 Folgendes gesagt: „Wir (die Israelis) haben gewöhnlich einen Traktor in die demilitarisierte Zone (der Golanhöhen) geschickt … und wir wussten im Vorhinein, dass die Syrer schiessen würden. Wenn sie nicht schossen, haben wir den Traktor weiter nach vorne beordert, und schliesslich waren die Syrer so verärgert, dass sie schossen. Und dann haben wir unsere Artillerie und auch die Luftwaffe benutzt – und so war es.“ (2) Der israelische Historiker Avi Shlaim zieht aus dieser Aussage den Schluss, dass „Israels Strategie der Eskalation an der syrischen Front“ vermutlich der „wichtigste Faktor“ gewesen sei, der den Mittleren Osten im Juni 1967 in den Krieg gezogen habe.

    (1) Das berichtet die britische Historikerin Alex von Tunzelmann in ihrem 2016 erschienenen Buch „Blood and Sand. Suez, Hungary and Eisenhower`s Campaign for Peace“.

    (2) Avi Shlaim: The Iron Wall. Israel and the Arab World. London 2000, S. 235

    Dieser Beitrag ist in den Blättern für Deutsche und Internationale Politik, Juniausgabe 2017, erschienen und wurde für das Journal21.ch vom Autor überarbeitet und erweitert.

    Teil 2: Nassers Irrtum gebiert Desaster

    Teil 3: Mauern statt Frieden

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  7. Zum BIB Thema der Woche #25: „Sechs-Tage-Krieg“

    Ihr Beitrag hat mir sehr gefallen. Er hat mich ideoligiefrei (!) informiert. Vieles – vor allem die innenpolitische Lage zu dieser Zeit – war mir nicht bekannt. In dem unentwirrar erscheinenden Knäuel des Nahost-Konflikts etwas Transparenz zu bringen ist Ihnen hiermit gelungen. Sehr hilfreich auch die vielen Zitate und Querverweise. Saubere journalistische Arbeit. Chapeau! Es interessiert mich, die ich erst kurz im Verteiler bin, auch all die anderen Artikel zu lesen.

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