BIB Aktuell #44: Verbot gegen BIB-Beirat Zumach

Vortrag in Karlsruhe aufgrund Fake-News abgesagt


Quelle: https://www.bib-jetzt.de

Andreas Zumach war Aktivist und Koordinator von Initiativen gegen die Apartheid in den 70er- und gegen die Nachrüstung in den 80er-Jahren. Sechs Jahre lang war er Referent bei Aktion Sühnezeichen. Seit 30 Jahren ist er Journalist in Genf für die taz und andere Medien. Er ist Beirat unseres Vereins (-> Videointerview mit Andreas Zumach u.a. zur Biografie).

Über 1000 Vorträge hielt Zumach in 45 Jahren. Niemals wurde bisher ein Vortrag aus inhaltlichen Gründen untersagt. Dies ist nun geschehen. Am 6. 12. vormittags sollte Zumach bei den „Jungen Alten – Evangelische Erwachsenenbildung“ in Karlsruhe-Durlach zum Thema „Israels wahre und falsche Freunde“ referieren. Aber zehn Tage vorher schrieb Frau Solange Rosenberg, Vorstandsmitglied der Jüdischen Kultusgemeinde Karlsruhe, eine e-mail an den Leiter der Evangelischen Erwachsenenbildung. Und prompt am nächsten Morgen untersagte der Evangelische Dekan von Karlsruhe diesen Vortrag, „weil ich Schaden für das Verhältnis zwischen Evangelischer Kirche und der Jüdischen Kultusgemeinde Karlsruhe abwenden möchte“.

Konkret warf Frau Rosenberg Andreas Zumach vor: Er habe behauptet, Israel sei am Tsunami schuld gewesen. Und bekannt seien seine Aktivitäten „im Rahmen der BDS- und BIB-Kampagnen“, die „eindeutig auf die Delegitimierung des Staates Israel hinauslaufen und als eindeutig antisemitisch (links-antisemitisch) gelten“.

Zumach und später unsere Gründungsmitglied Nirit Sommerfeld schrieben daraufhin an Frau Rosenberg und verlangten, dass sie diese Behauptungen belegen oder zurücknehmen solle. Daraufhin widerrief Frau Rosenberg mit Schreiben vom 27.11. an Zumach und vom 29.11. an Sommerfeld alles und erklärte, sie werde nichts davon wiederholen. Aber sie hatte mit diesen Fake News ihr Ziel erreicht: Der Dekan interessierte sich weniger für Fakten als für die Stimmungslage rechtsnationalistischer Kreise in der Jüdischen Gemeinde und blieb bei seiner Entscheidung.

Diese Sache zog natürlich Kreise im Internet: Der Dekan bekam zahlreiche Protestschreiben. Schließlich berichteten die Badischen Neusten Nachrichten (BNN) vom 4.12. über den Konflikt, mit dem reißerischen Titel „‚Shitstorm‘ nach Absage durch den Dekan“ (der Dekan als Opfer!) und schrägen Behauptungen über BIB: „Kritiker klassifizieren gleich gelagerte Bündnisse wegen Boykottaufrufen gegenüber israelischen Waren aus den besetzten Palästinensergebieten als ‚antisemitisch‘.“ Auch habe der Dekan gesagt, „BIB stehe eben für einen Boykottaufruf israelischer Waren“.

Diesen letzteren Satz nahm der Dekan mit Schreiben an uns und gegenüber den BNN ausdrücklich zurück, und der Satz steht auch nicht mehr in der Internetversion des BNN-Artikels vom 4.12. (ebensowenig wie der reißerische Titel). Der erstere Satz ist satirereif, denn wer sind „Kritiker“, was sind „gleich gelagerte Bündnisse“, und vor allem was sind „israelische Waren aus den besetzten Palästinensergebieten“? Solche Waren sind schlicht nicht israelisch. (S. Urteile des Europäischen Gerichtshofs vom 25. 2. 2010, des Bundesfinanzhofs vom 15. 5. 2013 und Interpretative Note der EU-Kommission vom 11. 11. 2015) Diese Waren zu boykottieren ist daher nicht gegen Israel gerichtet, sondern gegen den unrechtmäßigen Standpunkt der israelischen Regierung, dass die besetzten Palästinensergebiete zu Israel gehören würden. Was das mit Antisemitismus zu tun haben soll, weiß kein normaler Mensch.

Wie ging es weiter? Die Publicity durch diesen Zeitungsartikel war gut, also hielt Andreas Zumach seinen Vortrag am Vormittag des 6.12. an einem Ausweichort in Karlsruhe vor über 100 BesucherInnen, den gleichen Vortrag nochmals am Abend vor über 130 Menschen in der vollbesetzten Pauluskirche in Ettlingen bei Karlsruhe und einen Vortrag mit anderem Thema, bei dem er aber ausführlich über diese Ereignisse berichtete, bereits am 5.12. in der Karlsruher Stadtbibliothek.

In der Evangelischen Kirche ist dieser Konflikt nun offen ausgebrochen. Relativ viele Menschen, die dem Dekan Protestschreiben schickten, sind oder waren in der Kirche aktiv, und bei der Veranstaltung, die der Dekan am 6.12. vormittags parallel zu Zumachs Vortrag ansetzte, um seinen eigenen Standpunkt zu erläutern, erhielt er reichlich Gegenwind.

Die rechtsnationale israelische Regierung und ihre Parteigänger versuchen über diverse Einflusskanäle, den palästinensischen Widerstand und entsprechende moderate Stimmen für Gerechtigkeit und Versöhnung zu unterdrücken. Die Karlsruher Ereignisse zeigen vor allem eins: Es wird ihnen nicht gelingen.

Eine pdf-Datei mit dem Verbots-Begründungsschreiben des Karlsruher Dekans und den uns bekannten Protestschreiben finden Sie hier.

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