BIB Aktuell #66: Jeff Halpers bitteres Resümee

Wer Häuser zerstört, will kein Zusammenleben

Jeff Halper, geboren 1946 in Minnesota (USA), wanderte 1973 nach Israel aus. 1998 gründete er dort ICAHD, das Israelische Komitee gegen Hausabrisse (Israeli Committee Against House Demolitions). Er ist eine der profiliertesten, scharfsinnigsten jüdischen Stimmen aus Israel gegen den jüdischen Nationalismus. (Siehe Kurzbiografie in der deutschen Wikipedia, ausführlicher in der englischen.)


Foto: http://www.indymedia.ie/article/105670

Nun hat er am 29. April ein bitteres Resümee der Tätigkeit von ICAHD gezogen, hier in unserer deutschen Übersetzung.

Jeff Halper zu den zunehmenden Hauszerstörungen durch Israel

Ich bin Vorsitzender des Israelischen Komitees gegen Hausabrisse (ICAHD); nach mehr als 20 Jahren Kampf gegen Israels Politik der Hausabrisse bin ich ganz aktuell Zeuge einer der größten Abrisskampagnen seit Beginn unserer Arbeit. In Ostjerusalem, im Jordantal, in der gesamtem Westbank (wo nicht nur Wohnhäuser abgerissen werden: der ganze Bauernhof meines Freundes Ata Jaber wurde kürzlich von den israelischen Behörden zerstört) – und nicht nur in den besetzten Gebieten: Innerhalb der Grünen Linie demoliert Israel ganze Beduinendörfer, um das Land für jüdische Siedlungen freizumachen, und in Galiläa und dem Dreieck im Norden [palästinensisch bewohntes Gebiet in Israel ca. 50 km nordöstlich von Tel-Aviv] werden Häuser palästinensischer Bürger Israels angegriffen.

Die Größenordnung der Zerstörung macht Protest und Widerstand unmöglich. ICAHD führte lange den Widerstand an. Wir stellten uns vor Bulldozer, die zum Abreißen palästinensischer Wohnhäuser kamen, und mit den Familien, ihren Nachbarn und Hunderten von israelischen und internationalen Aktivisten bauten wir an die 200 von Israel abgerissene Häuser wieder auf. Wir machten Berichte über Hauszerstörungen öffentlich, nahmen an UN-Konferenzen zum Thema teil, machten Filme und sind mit Familien durch die ganze Welt getourt, die so ihre Geschichte erzählen konnten. Aber all unsere Arbeit ist ein Nichts gegen die Wiederaufnahme der heutigen Hausabrisse, und ich muss ein Gefühl der Hilflosigkeit eingestehen. Nach Zählung von uns und der UN hat Israel seit 1967 55.000 palästinensische Häuser in den besetzten Gebieten abgerissen. Zählen Sie dazu die 60.000 Häuser, die in der Nakba von 1948 und deren Nachwehen zerstört wurden, und Tausende mehr im israelischen Kernland bis zum heutigen Tag, und das Bild, das dann auftaucht, ist ethnische Säuberung.

Ich weiß nicht, wie man darauf noch reagieren kann. Weil die Hausabrisse seit so langer Zeit immer weitergehen und so zahlreich sind, kann man damit nicht mehr mobilisieren. Wir können Aktivisten nicht auf die Straße zum Widerstand bringen (wer kann schon mit diesem Tempo und Ausmaß mithalten?) und nach all den Jahren können wir auch nicht mehr die Medien dazu bringen, über die Abrisse zu berichten – das sind keine Neuigkeiten von Nachrichtenwert. Häuserabrisse sind auch für Unterstützergruppen Palästinas im Ausland kein Thema (US Campaign for Palestinian Rights, Palestine Solidarity Campaign und die anderen) und es wird darüber auch kaum in den linken Medien wie Democracy Now, the Real News und anderen Plattformen berichtet.

ICAHD konnte damit auch nicht mehr mithalten. Unsere Aktivisten haben sich zu anderen, drängenderen Dingen wegbewegt: Khan al-Ahmar, Gaza, andere wichtige Dinge, auf die man jedoch immer nur reagiert. Wir bekommen kein Spendengeld mehr, da Spender nicht ihr Geld an politische Organisationen geben, wenn da nichts mehr politisch passiert (noch ein Erfolg für Israel beim Abwürgen aller sinnvollen politischen Unterstützung für die palästinensische Sache). Und unsere Message wird immer dünner: Wie oft kann man auf eine Leserschaft zurückkommen und ihr einen Artikel über dieselbe Sache vorsetzen?

Unsere Reaktion, wie ich vielfach schrieb, ist der Rückzug von Aktivismus vor Ort. ICAHD baut weiter wieder auf, wir besuchen weiter Familien, wir leisten Widerstand so oft wir können, und wir äußern uns weiterhin, aber wir sind zu der Folgerung gekommen, dass Protest keinen Sinn hat, wenn er sich nicht mit einem politischen Programm verbindet. Wir wollen diese Familien und die Tausende mehr, deren Wohnhäuser künftig von Israel abgerissen werden, nicht im Stich lassen, aber wir haben eine grundsätzliche Tatsache eingesehen: Wenn wir uns nicht mit anderen zusammentun und ein politisches Programm für das Ende der israelischen Herrschaft und Unterdrückung formulieren und uns dann dafür engagieren (und ich meine nicht irgendeinen vagen „Rechte-basierten Ansatz“, sondern ein wirkliches politisches Programm – die Errichtung eines demokratischen Staats zwischen dem Fluss [Jordan] und dem Meer), dann bleibt unsere Entrüstung, unser Aktivismus und Protest bedeutungslos. Kein politisches Programm zu verfolgen – DAS heißt dann wirklich, diese Familien ihrem Schicksal zu überlassen.

Derweil machen wir, so gut wir können, bei ICAHD weiter damit, Aufmerksamkeit zu wecken und Widerstand zu leisten gegen diese tragische, grausame israelische Politik (gerichtlich abgesichert) der Hausabrisse. Jede Hilfe von Ihnen, uns Zugang zu Medien verschaffen, ist willkommen. Mittlerweile hat sich ICAHD mit der One Democratic State Campaign (ODSC) zusammengetan, bei ihrem Engagement für eine Ein-Staaten-Lösung dieser kolonialen Farce.

Foto: Jeff Halper, 2006
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