BIP Aktuell #73. Antisemitismus: Fakten statt Faken

von Rolf Verleger

Es wird heutzutage viel Unsinn über Antisemitismus geredet, nicht zuletzt vom Antisemitismusbeauftragten der Bunderegierung, der sich nicht entblödet, die Mitglieder der „Jüdischen Stimme für gerechten Frieden in Nahost“ in die Nähe des Antisemitismus zu rücken.

Rolf Verleger, Vorsitzender unseres Bündnis für Gerechtigkeit zwischen Israelis und Palästinern, hat nun zum Thema „Antisemitismus“ in der letzten Woche für die Internetplattform „die Freiheitsliebe“ einen Text geschrieben, der einige historische und sozialpsychologische Fakten ins Gedächtnis ruft.

Unter dem Titel „Antisemitismusbeauftragte fördern Antisemitismus“ werden folgende Thesen mit Fakten untermauert:

  1. Der deutsche Antisemitismus von 1880-1945 war die (zuerst „nur“ diskriminierende, dann mörderische) rassistische Reaktion auf eine konkrete historische Situation. Diese historische Situation ist vorbei, und so ist auch dieser Antisemitismus vorbei.
  2. Demgemäß gehen antisemitische Einstellungen in der Bevölkerung kontinuierlich zurück. Negative Meinungen finden sich dagegen gehäuft zu Immigranten, Roma und Muslimen (aufgrund ähnlicher sozialer Gegebenheiten wie vor 100 Jahren bei Juden).
  3. Muslime haben gehäuft negative Meinungen über Juden. Ebenso haben Juden gehäuft negative Meinungen über Muslime. Diese Sachlage verweist auf die Notwendigkeit gegenseitigen Respekts.
  4. Die einseitige Heraushebung von Antisemitismus als gesellschaftlichem Übel durch Politik und Medien ist weder gerechtfertigt noch zielführend – im Gegenteil, sie fördert ihn.

Genaueres hier: Antisemitismusbeauftragte fördern Antisemitismus.
Rolf Verleger, jüdischer Deutscher, ist Psychologe, Doktor der Sozialwissenschaften und für Medizinische Psychologie habilitiert.

Aktuelle Veranstaltungen: Siehe https://bip-jetzt.de/bip-aktuelles.html

 

BIP Aktuell #72: Terminkorrektur

Das BIP Aktuell #72 endete mit einem Veranstaltungshinweis. Dort war aber der 26.6. versehentlich als Donnerstag bezeichnet worden. Der 26.6. ist aber ein Mittwoch!

Richtig muss der letzte Absatz daher heißen:

Man fragt sich, ob [der FAZ-Journalist] Bahners [der einen sehr vernünftigen Kommentar geschrieben hatte] die absurde Situation in München kennt, wo das Grundgesetz durch den Anti-BDS-Beschluss des Münchner Stadtrats schon seit 2017 außer Kraft gesetzt wurde und die Stadt München in ihren Räumen keine Veranstaltung zulässt, die über diesen Beschluss diskutiert. Eine solche Veranstaltung findet nun am nächsten Mittwoch in der „Freiheizhalle“ statt:
München, 26.6., 19h, Freiheizhalle: Meinungsfreiheit in Gefahr.
Podiumsdiskussion mit Andreas Zumach, Nirit Sommerfeld, Peter Vonnahme Moderation: Lothar Zechlin

BIP Aktuell #72: Die FAZ geht voran

… im Kampf für Meinungsfreiheit

Die traditionell linksliberale Süddeutsche Zeitung hüllt sich seit Wochen in Schweigen: so gut wie nichts über Widerspruch gegen den Anti-BDS-Entschluss des Bundestags, nur eine knappe Meldung über den erzwungenen Rücktritt von Prof. Peter Schäfer, Leiter des Berliner Jüdischen Museums.

Anders die traditionell rechtsliberale Frankfurter Allgemeine. In zwei Artikeln beschäftigt sie sich mit Schäfers Rücktritt und äußert dazu eine klare Meinung.

(1)
Im Feuilleton der FAZ („Debatte“) vom 22.6. schreibt David Myers unter dem Titel „Da läuft etwas ganz fürchterlich schief“. Er ist Professor für jüdische Geschichte an der University of California in Los Angeles und Vorstandsvorsitzender des New Israel Fund, der liberale, völkerverständigende Projekte in Israel fördert.


David Myers (https://www.nif.org/about/people/) & Peter Schäfer (https://www.jmberlin.de/peter-schaefer)

Myers beschreibt Schäfer als einen Menschen, der das Judentum kennt wie wenige andere, nennt ihn einen „erstklassigen Leiter“ des Museums, und beklagt eine „Kultur des Misstrauens“: „Ganz abgesehen von der absurden Behauptung, Schäfer fördere in irgendeiner Weise den Antisemitismus, gibt es einen wachsenden und gefährlichen Hang, … all jene als Antisemiten zu brandmarken, die … der Ansicht sind, dass man sie [die BDS-Bewegung] aus Gründen der Meinungsfreiheit nicht kriminalisieren dürfe“. Und dann schildert er, dass Schäfer ihn „vor Monaten“ in den internationalen Beirat des Jüdischen Museums eingeladen hatte. „Nach langer Verzögerung schrieb er mir, die zuständigen staatlichen Stellen hätten meine Berufung abgelehnt, und zwar aufgrund von Bedenken wegen meiner politischen Ansichten und meines Engagements (wahrscheinlich wegen meiner Verbindungen zum New Israel Fund).“

Deutsche Kultusbehörden lehnen einen renommierten jüdischen Professor aus Los Angeles ab, wegen liberaler Ansichten. Es ist nicht zu fassen. Myers: Darin zeige sich „das schädliche Eindringen … einer unverblümt rechtsgerichteten Agenda in die Arbeit kultureller und künstlerischer Institutionen.“
Da läuft etwas ganz fürchterlich schief! Immerhin kann man in der FAZ davon lesen.

(2)
In der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung vom 23.6. kommentiert Patrick Bahners, zehn Jahre lang Feuilletonchef der FAZ.
Er referiert nochmals die unmittelbare Vorgeschichte von Schäfers Rücktritt: Dass 240 israelische und jüdische Akademiker den Anti-BDS-Beschluss des Bundestags kritisiert hatten; dass die taz darüber berichtete; dass der Twitter-Dienst des Museums diesen Artikel empfahl – zu recht, wie Bahners nahelegt, denn „in der intellektuellen Welt der jüdischen Diaspora ist die Ansicht weit verbreitet, dass die von der Regierung Netanjahu betriebene Gleichstellung von Kritik an Israel und Antisemitismus eine Gefahr für die Meinungsfreiheit darstellt“.

Bahners fragt daraufhin, ob man heutzutage nicht mehr auf Kritik an einen Bundestagsbeschluss aufmerksam machen dürfe, oder ob das schon reiche, um „Antisemit“ genannt zu werden. „So wird die Zahl der Antisemiten ständig vermehrt, denn zum Unterstützer von BDS und damit zum Antisemiten wird auch gestempelt, wer an der Sprachpolizei Anstoß nimmt. So viel aber darf gesagt sein: Dürfte auf die Kritik an einem Bundestagsbeschluss noch nicht einmal aufmerksam gemacht werden, müsste man sie für begründet halten.“

Man fragt sich, ob Bahners die absurde Situation in München kennt, wo das Grundgesetz durch den Anti-BDS-Beschluss des Münchner Stadtrats schon seit 2017 außer Kraft gesetzt wurde und die Stadt München in ihren Räumen keine Veranstaltung zulässt, die über diesen Beschluss diskutiert. Eine solche Veranstaltung findet nun am nächsten Mittwoch in der „Freiheizhalle“ statt:
München, 26.6., 19h, Freiheizhalle: Meinungsfreiheit in Gefahr.
Podiumsdiskussion mit Andreas Zumach, Nirit Sommerfeld, Peter Vonnahme Moderation: Lothar Zechlin
Siehe auch: https://bip-jetzt.de/bip-aktuelles.html

BIP Aktuell #71: Israels Armee schießt auch auf Jürgen Todenhöfer

… aber nur in den Rücken

Jürgen Todenhöfer, ehemaliger Politiker (CDU), ehemaliger Medienmanager (Burda), Publizist und Friedensaktivist, war vorgestern in Gaza und ging zur wöchentlichen Freitagsdemonstration an den Sperrzaun.

Seit 2006 haben Israel und Ägypten die rund 2 Mio. Bewohner des Gazastreifens eingesperrt, weil diese mehrheitlich die Hamas gewählt hatten. Deutschland macht diesen Irrsinn bereitwillig mit. Der tiefere Grund für diese Käfighaltung ist: Die meisten Bewohner des Gazastreifens stammen von Vertriebenen ab – Menschen, die aus Israel bei Staatsgründung 1948 und auch noch in den 50er-Jahren deportiert wurden -, und Israel hat Angst davor, sich mit diesem eigenen Unrecht auseinanderzusetzen.

Seit einem Jahr demonstrieren Einwohner Gazas jeden Freitag vor dem Sperrzaun gegen ihre Käfighaltung, für ihr Recht und ihre Menschenwürde. Seitdem sind 235 Menschen von israelischen Scharfschützen getötet worden, darunter Journalisten und medizinisches Personal, alle als solche gekennzeichnet. Weit über 25.000 Demonstranten wurden verletzt.

Jürgen Todenhöfer hat vorgestern mitdemonstriert. Es wurde ihm mit einem Gummigeschoss von einem israelischen Scharfschützen in den Rücken geschossen. Das Video gibt einen guten Eindruck von der Situation. Es zeigt, dass ganz offensichtlich die israelische Armee auch auf Menschen schießt, die weit weg vom Grenzzaun stehen und sich sogar davon wegbewegen.

Todenhöfer hält dabei die ganze Zeit ein Schild hoch: „Dear Israelis, please treat the Palestinians the same way you want to be treated“. Das ist eine Paraphrase auf die Aussprüche von Jesus „Behandelt die Menschen so, wie ihr selbst von ihnen behandelt werden wollt“ (Matth. 7,12) und des jüdischen Weisen Hillel „Was dir verhasst ist, tu deinem Nächsten nicht an – das ist die ganze Torah“. Dass jüdische Soldaten auf den Träger eines solchen Schildes schießen, zeigt, in welchen Irrweg weite Teile des Judentums durch ihre Unterstützung von Israels Nationalismus geraten sind. Wir halten es mit Hillel und Todenhöfer.

BIP Aktuell #70 Zensur und Widerstand: Nach dem Anti-BDS-Votum des Bundestags

Ein großer, sachlicher Beitrag in der FAZ, 16 Nahost-Experten in der ZEIT, Sara Roy in Counterpunch, und 240 israelische und jüdische Akademiker

Die Zensur wird offiziell:
Mit ausdrücklicher Berufung auf das Anti-BDS-Votum des Bundestags vom 17. Mai lud das Düsseldorfer „Open Source Festival“ den Rapper Talib Kweli wieder aus. Der Festival-Chef wird Künstler künftig bei jeder Verpflichtung unterschreiben lassen, dass kein Bandmitglied BDS unterstützt. Talib Kweli erklärte dazu hier seine Meinung.
Der neue McCarthyismus fällt offenbar auf fruchtbaren Boden in unserem Land mit seinen Berufsverbot- und Stasi-Traditionen.

Glücklicherweise gibt es Gegenstimmen, auch in den Mainstream-Medien.

FAZ: Nahost-Konflikt nicht mit Diskussion über Antisemitismus vermengen!
Unter dieses Motto stellte der Nahostkorrespondent Jochen Stahnke seinen ausführlichen, differenzierten Bericht über BDS, den die FAZ am 6. Juni auf ihrer S. 3 prominent druckte.

16 Nahost-Experten in der ZEIT: Anti-BDS-Beschluss des Bundestags „nicht zielführend“ und „gegen die Meinungsfreiheit“
In ihrer gemeinsamen Stellungnahme kommentieren sechzehn Expertinnen und Experten für Politik des Nahen Ostens und Islamwissenschaft die pauschale Verurteilung der BDS-Bewegung. Sie empfehlen der Bundesregierung, sich diese Position nicht zu eigen zu machen.

Sara Roy: Deutsche Kontinuität von Mitläufertum
Sara Roy, Tochter zweier Auschwitz-Überlebender, schreibt in einem Offenen Brief an die Bundesregierung Klartext: „Ihr Schuldgefühl … sollte nicht aus Kritik an Israel resultieren. Es sollte dadurch entstehen, dass Sie angesichts von Ungerechtigkeit schweigen, wie so viele Ihrer Vorfahren vor, während und nach dem Holocaust.“ (Englisches Original: in Counterpunch.)

240 jüdische Akademiker: BDS ist nicht antisemitisch
Auf Initiative von Prof. Amos Goldberg, Ordinarius für Jüdische Geschichte an der Hebräischen Universität Jerusalem, erklären 240 jüdische Akademiker: „Die Meinungen zu BDS gehen unter den Unterzeichnern dieses Aufrufs erheblich auseinander … Wir alle lehnen jedoch gleichermaßen die trügerische Behauptung ab, BDS sei als solches antisemitisch, und wir bekräftigen, dass Boykotte ein legitimes und gewaltfreies Mittel des Widerstands sind.“ (Deutsch hier, englisch hier, Bericht in der taz hier, weitere Unterschriften können hier geleistet werden.)

Weitere Informationen und frühere Stellungnahmen zum Anti-BDS-Beschluss des Deutschen Bundestages: s. BIP aktuell # 67.