BIP-Aktuell 143: Israelische „Suizid-Drohnen“ in Berg-Karabach

Israelische Waffen, die an Palästinensern getestet werden, werden von Aserbaidschan im Krieg mit Armenien eingesetzt
 
Zusammenfassung: Aserbaidschan versucht, die armenische Enklave Berg-Karabach mit Waffengewalt zu erobern und stützt sich dabei auf israelische Waffen, insbesondere auf die „Suiziddrohne“ Orbiter, die von der Firma Aeronautics hergestellt wird. Trotz innerisraelischer Proteste und der Forderung, den armenischen Völkermord anzuerkennen, verschließt die israelische Regierung die Augen vor den Verbrechen des aserbaidschanischen Militärs, weil sie das Land im Konflikt mit dem Iran als Verbündeten und als Abnehmer israelischer Waffen benötigt.
 
Trotz zahlreicher Versuche, einen Waffenstillstand zu erreichen, eskaliert der Krieg zwischen Aserbaidschan und Armenien weiter. Das aserbaidschanische Militär dringt in die armenische Enklave Berg-Karabach ein und versucht, sie zu erobern. Es setzt Infanterie, Artillerie und Drohnen ein, um sowohl militärische als auch zivile Ziele anzugreifen. Die Bewohner Berg-Karabachs kämpfen inmitten der ständigen Bombardierungen um ihr Überleben.
 
Obwohl Aserbaidschan und Armenien keine großen Länder sind (mit 10 Millionen bzw. 3 Millionen Einwohnern), handelt es sich auch um einen Stellvertreterkrieg, der regionale Interessen berührt. Aserbaidschans wichtigster Verbündeter ist die Türkei, aber sein zweitgrößter Waffenlieferant ist Israel. Für die israelische Rüstungsindustrie ist Aserbaidschan der zweitgrößte Kunde. Die Tatsache, dass sowohl die Türkei als auch Israel auf der gleichen Seite eines Konflikts stehen, mag angesichts der Spannungen zwischen den Regierungen der beiden Länder (z.B. hat die Türkei harsche Kritik am Abkommen Israels mit den Vereinigten Arabischen Emiraten geübt – https://www.tagesschau.de/ausland/israel-emirate-reaktionen-101.html) überraschend erscheinen, aber die Interessen der Rüstungsindustrie sind manchmal stärker als nationalistische Politik.
 

Die Enklave Berg-Karabach wird von Aserbaidschan beansprucht. Quelle: 2006, Wikipedia.
 
Aserbaidschans Bündnis mit der Türkei gegen Armenien beruht auf zwei Säulen: auf den historischen Verbindungen zwischen Aseris (Menschen aus Aserbaidschan) und Türken und auf der Leugnung des armenischen Völkermords von 1914-1917 durch die türkische Regierung. Auch das Bündnis Aserbaidschans mit Israel beruht auf zwei Säulen: den Gewinnen der Rüstungsunternehmen aus Waffenverkäufen an Aserbaidschan und der Grenze Aserbaidschans zum Iran, so dass das Land als Sprungbrett für einen israelischen Luftangriff gegen den Iran dienen kann, wodurch die Flugzeit der israelischen Flugzeuge auf ihrem Weg zu Zielen innerhalb des Iran verkürzt wird. Bemerkenswert ist auch, dass Aserbaidschan wie der Iran ein Land mit einer schiitisch-muslimischen Mehrheit ist. Der Iran unterstützt jedoch Armenien in diesem Krieg, und Russland, das offiziell einen Verteidigungspakt mit Armenien geschlossen hat, verkauft ebenfalls Waffen an Aserbaidschan und spielt damit beide Seiten gegeneinander aus.
 
Die Berichte über den Krieg sprechen von einem massiven Einsatz von „Orbiter“-Drohnen und „Harop“-Drohnen durch das aserbaidschanische Militär, und die aserbaidschanische Regierung hat diese Tatsache bestätigt. Diese Drohnen werden offiziell als „loitering munitions“ bezeichnet, werden aber von Waffenhändlern und in den Medien als „Suiziddrohnen“ oder „Kamikaze-Drohnen“ bezeichnet. Die Drohnen sind so konstruiert, dass sie stundenlang in der Luft schweben, bis derjenige, der die Drohne steuert, ein Signal sendet, woraufhin die Drohne zu einer Rakete wird und mit ihrem hochexplosiven Sprengkopf in das Ziel jagt. Sie ist eine grausame und insofern brutale Waffe, als die Opfer auf dem Boden keine Möglichkeit haben, sich zu schützen oder sich zu ergeben. Noch schlimmer ist, dass der Drohnenoperator aus der Ferne ohne eigenes Risiko agieren kann, dass er kein Soldat, sondern ein Attentäter ist und für die Tötung wehrloser Zivilisten mit dieser Waffe nicht zur Rechenschaft gezogen werden kann, es sei denn, seine Regierung erklärt sich bereit, seine Identität preiszugeben.
 
Die „Orbiter“-Drohne wird von der israelischen Firma Aeronautics hergestellt, die ihre Technologie an Palästinensern in Gaza testete, bevor sie an Kunden im Ausland exportiert wird. Verschiedenen Berichten zufolge ereignete sich 2017 oder Anfang 2018 ein Zwischenfall mit der Firma Aeronautics, die eine Delegation von Geschäftsleuten und zwei Drohnenlenkern nach Aserbaidschan schickte, um die Drohne zu verkaufen. Den Berichten zufolge verlangten die aserbaidschanischen Offiziere von Aeronautics eine Demonstration der Fähigkeiten der Suiziddrohne „Orbiter“ sowie der „Spike“-Raketen des israelischen Rüstungsunternehmens Rafael (Quelle auf Hebräisch). Im selben Jahr verkaufte Aeronautics die Orbiter-Suiziddrohnen für 6 Millionen Dollar an ein Land in der Europäischen Union und weigerte sich, den Namen dieses Landes preiszugeben (Quelle auf Hebräisch).


Die „Harop“ ist eine weitere Suiziddrohne, die von der israelischen Firma IAI hergestellt wird. Quelle: 2013, Wikipedia.
 
Amnesty International berichtete, dass vom aserbaidschanischen Militär in Stepanakert, Hauptstadt von Nagorno-Karabach, Streubomben des Typs M095 DPICM aus israelischer Produktion eingesetzt wurden. Das israelische Verteidigungsministerium weigerte sich, Fragen der Journalisten zu beantworten, wie das aserbaidschanische Militär zu den völkerrechtlich verbotenen Waffen gekommen ist. Streubomben verursachen große Zerstörungen und schwere Verletzungen. Häufig explodieren Teile der Bombe nicht, sondern können Jahre später gefunden werden und beispielsweise in der Hand eines spielenden Kindes explodieren.
 
Der Haaretz-Militär- und Geheimdienstanalytiker Yossi Melman berichtete in einem Artikel und einem Podcast von Haaretz über die israelische Rolle im Krieg in Berg-Karabach. Er enthüllte die Tatsache, dass aserbaidschanische Flugzeuge den Flughafen Uwda bei Eilat im südlichsten Teil Israels benutzen. Melman erklärte, dass Uwda der einzige Flughafen in Israel ist, auf dem es erlaubt ist, mit Flugzeugen Munition zu transportieren, und dies beweise, dass die aserbaidschanischen Flugzeuge Munition für den Krieg gegen Armenien geholt haben. Melman sagte im Podcast-Interview, er sei zwar nicht naiv und verstehe, dass Staaten nach nationalen Interessen handeln, aber die israelische Unterstützung für Aserbaidschan überrasche ihn und beleidige ihn als Juden. Offensichtlich hat Israel keine Skrupel, Waffen in ein Spannungsgebiet zu liefern.
 
Die israelische Regierung und die Knessetweigerten weigerten sich den Völkermord an den Armeniern durch das Osmanische Reich anzuerkennen, trotz des Drucks der Öffentlichkeit. Viele israelische Juden sagen, die Leugnung des armenischen Holocausts sei ein schändlicher und unmoralischer Akt, der einem Volk, das selbst einen Völkermord erlebt hat, nicht angemessen sei. Einige fügen hinzu, dass die Leugnung des armenischen Völkermords denjenigen, die den jüdischen Holocaust leugnen, Legitimität verleihe. Dennoch weigerten sich die israelische Regierung und die Knesset, dieses Verbrechen gegen die Menschlichkeit anzuerkennen, und erklärten, dass eine solche Anerkennung die guten Beziehungen Israels zur Türkei untergraben würde. Nach der Ermordung von zehn türkischen Staatsbürgern an Bord des Schiffes Mavi Marmara, das 2010 nach Gaza unterwegs war, haben sich die Beziehungen zwischen Israel und der Türkei verschlechtert, und einige Politiker forderten die Anerkennung des armenischen Völkermords, aber der Waffenhandel mit Aserbaidschan wurde als neuer Grund angeführt, den Völkermord an den Armeniern in Israel bis heute offiziell nicht anzuerkennen und ihn auch nicht in den Lehrplan der Schulen aufzunehmen.
 
In Israel leben viele Armenier, christliche Armenier in der Altstadt von Jerusalem und jüdische Armenier in verschiedenen Städten, insbesondere in Haifa. Am 5. Oktober demonstrierten Juden armenischer Abstammung in Haifa gegen den Verkauf von israelischen Waffen an Aserbaidschan (Quelle auf Hebräisch). Die Organisation „Das jüdische Herz“ unter der Leitung von Eli Yosef appellierte am 21. Oktober an den Obersten israelischen Gerichtshof, einen Stopp der Waffenverkäufe an Aserbaidschan zu fordern.
 
Das Redaktionsteam von BIP-Aktuell besteht aus dem Vorstand und dem Geschäftsführer Dr. Shir Hever.
V. i. S. d. P. Dr. Götz Schindler, BIP-Vorstand 

4 Gedanken zu “BIP-Aktuell 143: Israelische „Suizid-Drohnen“ in Berg-Karabach

  1. Drohnen müssten international geächtet und verboten werden.
    Auch Deutschland hat Drohnen von Israel geleast, die nun bewaffnet werden sollen.

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  2. Sehr vielen Dank für die wichtige Aufklärung über die Verstrickungen Aserbaidschans, Armeniens und der Türkei – ich glaube, daß das nur sehr wenige Menschen wissen. Dieser Konflikt ist für viele Menschen undurchschaubar und macht die Menschen hilflos und inaktiv. Bitte halten Sie mich auf dem Laufenden Mit vielem Dank M. Seggel-Borchert

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