BIP-Aktuell 149: Der Mossad und seine Morde

Die Tötung von Prof. Mohsen Fakhrizadeh trägt die Handschrift des Mossad
Zusammenfassung: Ob der Iran ein geheimes Atomwaffenprogramm entwickelt, ist strittig, aber die Ermordung des mutmaßlichen Leiters dieses Programms wird die entsprechenden Bemühungen des Iran verstärken. Die Ermordung von Fakhrizadeh sollte die politischen Optionen des gewählten Präsidenten Biden einschränken und schadet daher den langfristigen Beziehungen zwischen der israelischen und der US-amerikanischen Regierung, außerdem erhöht sie die Gefahr eines Krieges im Nahen Osten. Das Attentat bietet die Gelegenheit, den Mossad und seine Operationen darzustellen.
 
Die Ermordung von Prof. Mohsen Fakhrizadeh in Teheran am 27. November hat den Nahen Osten in Unsicherheit gestürzt. Sie wird es dem gewählten Präsidenten Joe Biden erschweren, bei seinem Amtsantritt dem Iran Nuclear Deal (JCPOA) wieder beizutreten, und sie sendet auch eine Botschaft an den Iran, dass die Morde, Sabotageakte und internationalen Sanktionen nicht aufhören werden, solange der Iran sein Atomwaffenprogramm nicht aufgibt. Der Iran hat sich an das JCPOA gehalten, bis die USA 2018 von der Vereinbarung zurücktraten und die Sanktionen gegen den Iran einseitig wieder aufnahmen. Darauf reagierte der Iran, indem er die im JCPOA erlaubte Menge angereicherten Urans überschritt. Die iranische Regierung beschuldigt den israelischen Geheimdienst Mossad, Fakhrizadeh ermordet zu haben. Sie hat sehr gute Gründe anzunehmen, dass Israel hinter dem Attentat steht und hat bereits mit Vergeltungsmaßnahmen gedroht.
 

Der am 27. November ermordete Dr. Prof. Mohsen Fakhrizadeh. Quelle: Wikipedia, 2020.
 
Mohsen Fakhrizadeh war Professor für Nuklearphysik in Teheran und zugleich hochrangiger Kommandeur in der iranischen Revolutionsgarde. Als solcher verdächtigte ihn die israelische Regierung, zu den Verantwortlichen des iranischen Atomwaffenprojekts zu gehören. 2018 nannte der israelische Premierminister Netanjahu Mohsen Fakhrizadeh den „Vater“ des iranischen Atomwaffenprogramms. Netanjahu behauptete, der Iran habe sein Atomwaffenprogramm nicht aufgegeben, und sagte: „Denken Sie an den Namen Fakhrizadeh“ – und deutete damit schon damals an, dass Fakhrizadeh ein Ziel des israelischen Geheimdienstes ist.
 
In Berichten der CIA aus dem Jahr 2007 und der IAEA (Internationale Atomenergie-Organisation) wird darauf hingewiesen, dass nicht mit Sicherheit festzustellen ist, ob der Iran ein Atomwaffenprogramm hat. In der iranischen Regierung gibt es unterschiedliche Auffassungen darüber, ob der Iran den USA, der EU und Russland vertrauen kann, die Wirtschaftssanktionen zu beenden, wenn er die Atomenergie ausschließlich für friedliche Zwecke nutzt. Der Iran benötigt die Atomenergie für den heimischen Stromverbrauch, damit er das Erdgas aus seinen reichen Vorkommen an China verkaufen kann. Die so genannten Hardliner im Iran glauben, dass der Iran eigene Atomwaffen besitzen muss, um seine Unabhängigkeit zu sichern. Diese Kräfte werden durch die Tötung von Menschen und Zerstörung von Anlagen des iranischen Atomprogramms gestärkt, so dass auch die Entwicklung des Atomwaffenprogramms Unterstützung erhält. Doch selbst wenn der Iran Atomwaffen entwickelt und besitzt, hat er keinen Grund, einen Atomkrieg zu beginnen, in dem er selber vernichtet würde. Das Beharren der USA und Israels darauf, dem Iran den Zugang zu Atomwaffen um jeden Preis zu verweigern, dient nicht dazu, sich vor einem Atomangriff zu schützen, sondern vielmehr dazu, ihre Überlegenheit in der Region durch die Monopolisierung von Atomwaffen aufrechtzuerhalten.
 
Der Haaretz-Journalist Anchel Pfeffer analysierte den Zeitpunkt des Angriffs und argumentiert, es sei kein Zufall, dass das Attentat in dem Zeitfenster zwischen dem Sieg von Joe Biden bei den US-Präsidentschaftswahlen und seiner Amtseinführung am 20. Januar stattfand. Pfeffer sieht zwei mögliche Erklärungen für das Attentat: Entweder wollte die Netanjahu-Regierung die letzten Tage Trumps im Amt ausnutzen, um die Möglichkeit einer Rückkehr Bidens zum Iran Nuclear Deal (JCPOA) zu sabotieren, oder die israelische Regierung wurde von der Trump-Administration aufgefordert, das Attentat jetzt durchzuführen, um die Pläne Bidens zur Rückkehr zum JCPOA zu sabotieren. In beiden Fällen wird dieses Attentat, so Pfeffer abschließend, es schwieriger machen, den Iran daran zu hindern, sich Atomwaffen zu beschaffen, und es wird einen Keil zwischen die israelische Regierung und die Biden-Administration treiben.
 
Selbst die Vereinigten Arabischen Emirate, die in der internationalen Koalition gegen den Iran eine wichtige Rolle spielen, verurteilten das Attentat und bezeichneten es als ein Verbrechen gegen den Frieden.
 
Die Agenda Netanjahus als israelischer Premierminister seit 2009 besteht darin, diplomatische Mittel im Umgang mit dem iranischen Atomprogramm abzulehnen und sich auf militärische und technologische Mittel zu konzentrieren, um zu versuchen, dieses Programm zu zerstören. Israel weigert sich weiterhin, den Atomwaffensperrvertrag zu unterzeichnen und seine eigenen Atomwaffenkapazitäten einzugestehen. Netanjahu präsentiert sich als „Beschützer Israels“, indem er versucht, andere Länder, insbesondere den Iran, daran zu hindern, eine Atombombe zu entwickeln. Bereits 2010 verursachte ein Computervirus namens Stuxnet eine Fehlfunktion in der Gaszentrifuge, wofür Israel verantwortlich gemacht wurde. Stuxnet wurde entwickelt, um Siemens-Software und infizierte Computer nicht nur im Iran, sondern auch in Indonesien, Indien, Aserbaidschan, den Vereinigten Staaten und Pakistan ins Visier zu nehmen. Nach dem Stuxnet-Angriff wurde über ein ganzes Jahrzehnt hinweg eine Reihe von Attentaten – wahrscheinlich vom Mossad – mit Autobomben und anderen Mitteln verübt, um das iranische Atomprogramm zu verzögern oder zu zerstören.
 

Ronen Bergman und sein Buch. Quelle: Dor Malka, Wikipedia, 2008
 
Ronen Bergmans Buch „Rise and Kill First“ (der Titel auf Deutsch: „Der Schattenkrieg – Israel und die geheimen Tötungskommandos des Mossad“) basiert auf einer Reihe von Interviews mit ehemaligen Mossad-Agenten und erzählt die Geschichte der zahlreichen israelischen Attentate gegen militärische und politische Feinde. Bergman behauptet, dass seit der Gründung des Staates Israel etwa 3.000 Menschen durch den Mossad und andere israelische Geheimdienste ermordet wurden. Sein Buch wurde in Israel zensiert. Abgesehen von meist anonymen Interviews hat Bergmann nicht viele Quellen, um seine Beschreibungen der Methoden des Mossad zu belegen. Sein Buch hätte als unkorrekt abgetan werden können, wäre da nicht das Interview des ehemaligen Mossad-Chefs Meir Dagan gewesen, der kein Geheimnis daraus machte, dass er einige Geheimnisse des Mossad enthüllen wollte, um Netanjahu davon abzuhalten, einen Krieg mit dem Iran zu beginnen.
 
Nach Angaben der iranischen Behörden trägt das Attentat auf Mohsen Fakhrizadeh die Handschrift des israelischen Mossad, wie sie in Ronen Bergmans Buch beschrieben wurde. Das Attentat ereignete sich, als der Konvoi von Fakhrizadeh die Straße entlang fuhr. Er wurde mit einem ferngesteuerten Maschinengewehr hingerichtet, das in einem geparkten Auto versteckt war. Als Fakhrizadeh getötet und sein Leibwächter durch einen Schuss verletzt wurde, wurde das geparkte Auto mittels Fernsteuerung in die Luft gesprengt, um Beweise, die zu den Verantwortlichen für das Attentat hätten führen können, zu vernichten. Außerdem erleichterte es die Fernzündung den Attentätern, einer Gefangennahme zu entgehen. Auch der Deutschlandfunk berichtete unter Berufung auf Bergmans Buch, dass das Attentat mit hoher Wahrscheinlichkeit von israelischen Streitkräften verübt wurde.
 
Der Mossad ist die berühmteste israelische Geheimdienstorganisation, aber nicht die einzige. Der vollständige Name der Organisation lautet „HaMossad Lemodiin Uletafkidim Meyukhadim“ (Institut für Nachrichtendienste und Sonderaufgaben), oder kurz „Institut“ (Mossad). Es untersteht direkt dem Büro des Premierministers, und seine berüchtigte „Caesarea„-Einheit ist für die Durchführung von Attentaten bekannt. Neben dem Mossad gibt es Aman, die israelische Militärgeheimdienst-Einheit, den Shin Bet, offiziell ISA genannt, der für die „innere Sicherheit“ zuständig ist (obwohl der Shin Bet außerhalb der Grenzen des Staates Israel in den besetzten palästinensischen Gebieten operiert). Die Organisation „Native“ operierte als spezielles Spionagenetzwerk in der ehemaligen Sowjetunion und fungiert auch heute noch offen als Verbindungsglied zu den jüdischen Gemeinden in Russland und in den ehemaligen Sowjetrepubliken. Der MALMAB , die Sicherheitsdirektion des Verteidigungsministeriums, arbeitet im Verteidigungsministerium als wichtigste israelische Spionageabwehr-Einheit und ist für die Geheimhaltung des israelischen Atomprogramms verantwortlich. Diese Organisationen arbeiten im Geheimen, sogar ihr Budget ist ein Staatsgeheimnis, für den Mossad wird es auf etwa 3 Milliarden US$ jährlich geschätzt. Es gibt fast keine Regulierung und Kontrolle ihrer Operationen. Die Geheimdienste arbeiten unter dem Kommando des Premierministers, aber er hat weder die Zeit noch die Mittel, jede ihrer Operationen zu überwachen.
 
In der Tat gab es viele Attentate und Attentatsversuche, die nachweislich das Werk des Mossad waren, wie z.B. der gescheiterte Vergiftungsversuch von Khaled Mashal in Jordanien 1997 und die Ermordung von Mahmoud al-Mabhouh in Dubai 2010. Von der Empörung in der Weltgemeinschaft gegen die Attentate, die nach der Ermordung von Jamal Khashoggi in Istanbul im Konsulat von Saudi-Arabien, nach den Mordversuchen an dem russischen Ex -Spion Sergei Skripal und an dem russischen Oppositionsführer Alexej Navalny durch Vergiftung zu beobachten war, war selbst dann nichts zu merken, als ein hoher israelischer Beamter der New York Times sagte, dass „die Welt uns dafür danken sollte, dass wir Fakhrizadeh getötet haben“.
 

Yossi Cohen, Chef des Mossad. Quelle: Wikipedia, 2016.
 
Bergmans Buch und die Ermordung von Fakhrizadeh könnten den Eindruck erwecken, dass der Mossad eine Organisation ist, die hauptsächlich Attentate verübt. Es ist jedoch bekannt, dass er seine begrentzen Ressourcen durch die Schaffung von Hype und Angst kompensiert. Der derzeitige Mossad-Chef Yossi Cohen gab eine Reihe von Interviews, in denen er die Fähigkeiten des Mossad rühmte. Der Mossad sei  nicht in der Lage, all jene zu ermorden, die sich der israelischen Politik widersetzen, aber er hoffe, die Menschen vom Widerstand gegen die israelische Besatzung abzuhalten, indem er sie mit der Aussicht einschüchtert, dass der Mossad in ihre Privatsphäre eindringen könne und ihre Bewegungen und ihre Kommunikation jederzeit verfolgt.
 
Das Redaktionsteam von BIP-Aktuell besteht aus dem Vorstand und dem Geschäftsführer Dr. Shir Hever.
V. i. S. d. P. Dr. Götz Schindler, BIP-Vorstand 

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