BIP-Aktuell #180: Gaza darf seine Wasserinfrastruktur nicht reparieren

Die Wasserkatastrophe in Gaza verschärft sich – der Staat Israel behindert die Reparatur der Infrastruktur

Die 11-tägige israelische Bombardierung des Gazastreifens im Mai hat umfangreiche Schäden an der Wasserinfrastruktur des kleinen und übervölkerten Küstenstreifens verursacht. Schon frühere Angriffe führten zu Schäden, die bisher nicht repariert werden konnten. Rohre, Pumpen, Brunnen, Wassertürme und Reservoirs, Kläranlagen sowie die Infrastruktur für die Abwasseraufbereitung sind beschädigt, und ihr Betrieb ist durch Mangel an Strom und fehlende Ersatzteile beeinträchtigt. Die israelische Regierung verweigert aber nun zusätzlich den Import der notwendigen Materialien und Werkzeuge, um die durch die Bombardierung verursachten Schäden wenigstens behelfsmäßig zu reparieren. Sie trägt damit die Verantwortung für eine große Gesundheitskrise, die durch den Mangel an sauberem Trinkwasser verursacht wird.

Die 11-tägige Bombardierung des Gazastreifens im Monat Mai verursachte umfangreiche Schäden an der Infrastruktur, die noch nicht behoben wurden. Der israelische Verteidigungsminister Benny Gantz ordnete ein Importverbot für viele Rohstoffe, Werkzeuge und Maschinen an, die für die Reparatur der Wasserinfrastruktur dringend benötigt werden. Die Versorgungsbetriebe in Gaza benötigen 5.000 verschiedene Produkte (vor allem Rohre, Ventile und Anschlüsse), um das beschädigte Wassersystem zu reparieren, erhalten aber weder eine Importerlaubnis noch die Materialien, aus denen diese Produkte vor Ort hergestellt werden können.

Eine Frau wäscht ihre Kinder in ihrem zerstörten Haus in Beit Hanoun, weil das Viertel nach der Bombardierung weder Wasser noch Strom hat. Quelle: Activestills, Mohammed Zaanoun, 2021.

Eid al-Adha, das Opferfest, das jedes Jahr auch im Gazastreifen gefeiert wird, fand vom 19. bis zum 23. Juli statt, aber in diesem Jahr hatten viele Familien nicht die Mittel, um zu feiern. Die israelische Regierung verhindert nicht nur den Import von notwendigen Materialien zur Reparatur der Wasserinfrastruktur, sondern auch, dass Katar, anders als bisher, Geld nach Gaza überweisen kann. Den bedürftigen Familien wurden 100 US-Dollar pro Familie versprochen, ein kleiner Betrag, aber ohne dieses Geld werden Tausende hungern müssen. Die Zerstörung, die das israelische Bombardement im Mai hinterließ, hat die Lebensqualität der Palästinenser in jeder Hinsicht noch weiter beeinträchtigt. Zum Beispiel wurde die einzige Matratzenfabrik in Gaza zerstört, und Matratzen sind jetzt kaum zu bekommen und außerdem sehr teuer.

Da Trinkwasser zu den menschlichen Grundbedürfnissen zählt, ist die Notwendigkeit, die Wasserinfrastruktur zu reparieren, umso dringlicher. Schätzungen besagen, dass ungefähr 95 % des Grundwassers in Gaza für den Menschen nicht genießbar sind.
Gazas jährliche Trinkwasserversorgung beläuft sich auf knapp 100 Millionen Kubikmeter. Dies war der Stand vor dem Bombardement im Mai (Wasser für die Landwirtschaft ist hier nicht mitgerechnet). Hiervon stammen rund 85% aus eigenen Brunnen, ca. 10% müssen von der israelischen Wassergesellschaft Mekorot gekauft werden, und ca. 5% stammen aus Meerwasserentsalzungsanlagen. Die Brunnen pumpen Wasser aus dem schwindenden unterirdischen Grundwasserleiter von Gaza. Ohne Benzin für Pumpstationen und ohne Strom können weder die Pumpen für den Brunnenbetrieb noch die Entsalzungsanlagen arbeiten. Das bedeutet: Nach dem Bombardement im Mai fiel der durchschnittliche Wasserverbrauch in Gaza von 80 Liter pro Person und Tag auf 50-60 Liter pro Person und Tag, was weit unter 100 Liter pro Person und Tag liegt, die die Weltgesundheitsorganisation (WHO) als Minimum ansieht und einen neuen Negativrekord selbst für den schwer geprüften Gazastreifen darstellt.

Die Zeitung Haaretz forderte den israelischen Verteidigungsminister auf, die humanitären Auswirkungen zu berücksichtigen, die eine Verhinderung der Reparaturen bedeutet (Quelle auf Hebräisch). Maher Al-Najar, stellvertretender Geschäftsführer für Wasserdienstleistungen in Gaza, sagte, dass nichts wichtiger für menschliche Bedürfnisse ist als Wasser. Auch Journalist*innen von Haaretz, allen voran Amira Hass, haben darauf hingewiesen, dass die Abwasserentsorgung nicht nur für die Gesundheit der Menschen in Gaza wichtig ist, sondern auch, um zu verhindern, dass die Abwässer ungeklärt ins Meer geleitet werden, von wo aus sie sowohl der Küste von Gaza als auch der Mittelmeerküste des Staates Israel großen ökologischen Schaden zufügen und den Fischfang massiv beeinträchtigen.

Infografik von Visualizing Palestine über die Auswirkungen der Blockade auf die Wassersituation in Gaza, 2012.

Der Gazastreifen ist ein kleines und überbevölkertes Gebiet, in dem über zwei Millionen Menschen leben. Ein Vergleich zeigt: Die Bevölkerung des Gazastreifens umfasst mehr als ein Fünftel der israelischen Bevölkerung, aber die Fläche des Gazastreifens ist lediglich etwa 1,5 % der Fläche des Staates Israel. Der Hydrologe Clemens Messerschmid sagt, dass die Lösung, die die israelische Regierung durchzusetzen versucht, nämlich die großflächige Entsalzung von Meerwasser, eine trügerische Hoffnung und ein falsches Versprechen darstellt: Nicht nur würden die produzierten Mengen in Gaza niemals ausreichen, um die Wasserprobleme des Gazastreifens zu lösen. Vor allem stelle diese Behandlung des künstlich abgeschnürten Streifens eine politisch falsche und gefährliche Fehlorientierung dar: Als kleines und dicht besiedeltes Stadtgebiet sollte Gaza wie jede andere Stadt behandelt werden und ihr dringend benötigtes städtisches Trinkwasser aus den reichen Vorkommen des Hinterlands, also den umliegenden ländlichen Gebieten erhalten. Das dafür erforderliche Hinterland ist in Gaza jedoch nicht vorhanden.

Palästinenser*innen in Gaza berichten von einer hohen Verschmutzung des Trinkwassers, das einen rostigen Geschmack hat. Haut und Haare werden beim Waschen geschädigt. Anhaltende Probleme mit der Quantität und der Qualität des Trinkwassers im Gazastreifen führten bereits zu einem Anstieg von Nieren- und Zahnerkrankungen.

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BIP Aktuell berichtet an dieser Stelle regelmäßig über Menschenrechtsverletzungen im besetzten Palästina, die in unseren Medien zumeist nicht erwähnt werden.

Schüsse auf Palästinenser, während israelische Soldaten zusehen

Bewaffnete Siedler wurden im Mai in der Nähe der Westbank-Siedlung Yitzhar von der Menschenrechtsgruppe B’Tselem gefilmt, wie sie zwei Palästinenser erschossen, obwohl diese sie nicht gefährdeten. Soldaten standen tatenlos daneben und unterhielten sich mit den Siedlern.
Sie gehörten zu einer Gruppe von Siedlern, die am 14. Mai, während des Gazakrieges mit Soldaten an Zusammenstößen in palästinensischen Dörfern im Westjordanland teilnahm. In Videoclips aus zwei Dörfern wurden ein Zivilist und eine maskierte Person, die Armeehosen trug, dabei gefilmt, wie sie auf Palästinenser schossen (siehe youtube-Video unten).
Die Videos wurden zuerst auf der Website von Local Call, der hebräischen Ausgabe des Magazins +972, veröffentlicht.
https://www.haaretz.com/israel-news/.premium-settler-masked-person-filmed-shooting-at-palestinians-as-israeli-soldiers-watch-1.10006087?utm_source=mailchimp&utm_medium=content&utm_campaign=haaretz-most-read&utm_content=fcf4a80747
https://youtu.be/etKQccjApsM

BIP Aktuell berichtet an dieser Stelle über aktuelle Entscheidungen von Banken, Unternehmen und Organisationen, ihre Aktivitäten in den jüdischen Siedlungen im besetzten Palästina einzustellen.

Das amerikanische Unternehmen Ben & Jerry’s hat am 19. Juli angekündigt, den Verkauf von Eiscreme in den besetzten Gebieten einzustellen:
„Wir glauben, dass es mit unseren Werten unvereinbar ist, wenn Ben & Jerry’s Eiscreme in den besetzten palästinensischen Gebieten (OPT) verkauft wird. Wir folgen damit auch den Bedenken, die uns von unseren Fans und Geschäftspartnern mitgeteilt werden.
Wir haben eine langjährige Partnerschaft mit unserem Lizenznehmer, der Ben & Jerry’s Eiscreme in Israel herstellt und in der Region vertreibt. Wir haben beschlossen, dies zu ändern und haben unseren Lizenznehmer informiert, dass wir den Lizenzvertrag nicht verlängern werden, wenn er Ende nächsten Jahres ausläuft.
Obwohl Ben & Jerry’s nicht mehr in den OPT verkauft werden wird, werden wir durch eine andere Vereinbarung in Israel bleiben. Wir werden ein Update dazu geben, sobald wir dazu bereit sind.“  (Übersetzt mit http://www.DeepL.com/Translator) (https://www.benjerry.com/about-us/media-center/palestine-statement)
Ministerpräsident Naftali Bennett hat die Entscheidung scharf kritisiert und Ben&Jerry`s Eiscreme „antisemitische Eiscreme“ genannt.
https://www.haaretz.com/us-news/.premium-ben-and-jerry-s-puts-freeze-on-ice-cream-sales-in-occupied-palestinian-territories-1.10013407
Außenminister Yair Lapid nannte die Entscheidung eine „beschämende Kapitulation vor dem Antisemitismus“.
https://www.haaretz.com/us-news/.premium.HIGHLIGHT-israel-wants-u-s-to-enforce-anti-bds-laws-against-ben-jerry-s-will-it-work-1.10014760

Ein ausführlicher Bericht in der Neuen Zürcher Zeitung v. 20.7.2021: https://www.nzz.ch/international/israel-regierung-empoert-ueber-verkaufsstop-von-ben-jerrys-ld.1636548?mktcid=nled&mktcval=165_2021-07-21&kid=nl165_2021-7-20&ga=1&trco=

Das Redaktionsteam von BIP-Aktuell besteht aus dem Vorstand un dem Geschäftsführer Dr. Shir Hever. 
V. i. S. d. P. Dr. Götz Schindler, BIP-Vorstand.

Ein Gedanke zu “BIP-Aktuell #180: Gaza darf seine Wasserinfrastruktur nicht reparieren

  1. Diese Propaganda gegen Israel hilft den Menschen in Gazza nicht. Solange der islamistische Hass, der in Gazza durch die Hamas geschürt wird und in ständigen Raketenangriffen und Terrorakten mündet, nicht benannt und bekämpft wir, tragen die Leute in Gazza und ihre Propagandisten die Verantwortung für die Zustände.

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