BIB Aktuell # 26: „Foxtrot“: Film erzeugt Spaltung in israelischer Gesellschaft

Regisseur wird als Verräter beschimpft 

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Der Film FOXTROT von Samuel Maoz ruft Kontroversen hervor (Screenshot: dw)
„Israel wird zusehends zu einer Trutzburg, es ist immer weniger ein gemütliches Zuhause.“. Das Zitat David Grossmans fasst die Aussage des Films adäquat zusammen  — ein Film, der zeigt, wie das Leben in Israel durch militärisches Denken dominiert wird.

Grossmans Zitat wirft vor allem eine Frage auf: Wie konnte Israel bisher für die allermeisten Israelis ein „gemütliches Zuhause“ sein, angesichts der Tatsache, dass alle Israelis — Männer wie Frauen — seit Anbeginn des Staates ihren Militärdienst leisten, also auch in den vergangenen 51 Jahren der militärischen Besatzung des palästinensischen Westjordanlandes. Wie kann eine ganze Zivilgesellschaft, die von ihren Wurzeln her militärisch geprägt und ausgebildet ist, es sich „gemütlich“ einrichten in ihrer Inseldemokratie, während sie gleichzeitig selbst dazu beiträgt, eine andere Bevölkerungsgruppe militärisch zu dominieren? Was Soldatinnen und Soldaten einer Besatzungsarmee erleben, haben Breaking the Silence in Hunderten von Interviews offengelegt. Anhand ihrer Zeugnisse und des Kontextes, den sie herstellen, kann man sich ein Bild darüber machen, wie das System der Besatzung durch Militär, aber auch durch Lenkung moralischer Vorstellungen, durch Angst vor Bedrohung, durch Abstumpfung und Tabuisierung und nicht zuletzt durch Abspaltung aufrecht erhalten werden kann. Sehr empfehlenswert hierzu der knapp siebenminütige ttt-Beitrag von 2012 mit der ehemaligen Soldatin Dana Golan.


In Samuel Maoz‘ Spielfilm FOXTROT erfährt ein israelisches Ehepaar, dass sein Sohn während des Dienstes in der Armee gefallen ist. Was die Eltern noch nicht wissen: Ihr Sohn hat an einem Checkpoint im besetzten Westjordanland vier junge Palästinenser erschossen. Der Kommandant vertuscht den Mord, die Toten werden im Sand verscharrt.

Bei seinem Start in den Kinos in Israel sorgte der Film insbesondere wegen dieser Szene für einen Eklat. Kulturministerin Miri Regev empörte sich, so etwas würden israelische Soldaten niemals tun, der Film beschmutze das Ansehen der israelischen „moralischsten Verteidigungsarmee der Welt“, und man werde keine Filme mehr fördern, die den Namen Israels besudeln (Quelle: Deutsche Welle). Auch Teile der Gesellschaft reagierten aggressiv: Regisseur Samuel Maoz wurde bedroht und als Verräter beschimpft.

Der Film ist am 12. Juli in Deutschland angelaufen. Unten sehen Sie den offiziellen Trailer, hier eine Berichterstattung auf Aljazeera; hier können Sie Besprechungen des Films im Spiegel, in der Süddeutschen Zeitung und in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung nachlesen.

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BIB Aktuell #25: Abriss des Beduinen-Dorfes Khan al-Ahmar — Beginn der Annexion?

Ende der Zwei-Staatenlösung wird besiegelt

Screenshot (Quelle: palaestina-nachrichten.de)

Die Beduinen in Khan al-Ahmar wurden bereits Anfang der 1950er Jahre aus ihrer Heimat in der Wüste Negev vertrieben. Nun erleben die selben Menschen samt ihrer Kinder und Kindeskinder die nächste Vertreibung: Nachdem das israelische Militär das Gebiet um Khan al-Ahmar wenige Kilometer östlich von Jerusalem Anfang des Monats zur militärischen Sperrzone erklärt hatte, wurde mit dem Abriss des Dorfesbegonnen, wie die Palästina-Nachrichten hier ausführlich und gut bebildert dokumentieren.

Die EU-Staaten und der UN-Koordinator für den Frieden im Nahen Osten haben die Aktion verurteilt. Das Auswärtige Amt in Berlin hat sich ebenfalls kritisch geäußertund appelliert an die israelische Regierung, auf den Abriss „zu verzichten und weitere Abrisse einzustellen“. Denn, wie mehrere Kommentatoren anmerkten: Wenn dieses Dorf, das im Korridor zwischen den Siedlungen Ma’ale Adumim und Kfar Adumim liegt, verschwindet und zu einer weiteren israelischen Siedlung wird, dann ist das Westjordanland von West nach Ost durchtrennt, dann kann es kein zusammenhängendes palästinensisches Gebiet mehr im von Israel besetzten Westjordanland mehr geben: Die Zweistaatenlösung ist dann endgültig tot.

Es sollte längst klar sein, dass durch Appelle nichts bewirkt werden kann. Die Bundesregierung wird sich erst dann zu konkreten Maßnahmen entschließen, wenn internationale Proteste und innerdeutsche Empörung genügend Druck auslösen. Wir können alle dazu beitragen, indem wir z.B. unsere lokalen und überregionalen Zeitungen, Radiosender und Politiker*innen ansprechen, ihnen Informationen wie diese weiter leiten und nachfragen, warum darüber nicht berichtet wird.

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Screenshot von Googlemaps (Bearbeitung: BIB)

 

BIB Aktuell #24: Zeitenwende?!

Solidarität mit Palästina wächst in den USA und unter Künstlern


Screenshot (Bildquelle: tacheles.ch)

New York City: Die 28-jährige Alexandria Ocasio-Cortez gewinnt Ende Juni im Wahlbezirk Bronx-Queens überraschend die Vorwahlen in der Demokratischen Partei gegen einen ranghohen Vertreter des Parteiapparats. Während der Wahlkampagne schrieb sie auf Twitter über den Einsatz von Schusswaffen durch die israelische Armee bei den Demonstrationen der Gazaner für die Öffnung des Grenzzauns (unsere Übersetzung): „Das ist ein Massaker. Ich hoffe, meine Kollegen haben den Mut, es so zu nennen. Man kann kein Staatswesen freisprechen, wenn es Protestierende massenhaft erschießt. Es gibt dafür keine Rechtfertigung. Palästinensische Menschen haben das Grundrecht auf Menschenwürde, wie alle anderen. Die Demokraten können dazu nicht mehr schweigen.“
 
Deutschlands Linke und Kunstszene hingegen hält Menschenrechtsengagement für Antisemitismus

Hat man aktuell in Deutschland von irgend welchen aktiven Politikerinnen oder Politikern Ähnliches vernommen, gar von Linken? Nein, denn sie fürchten ein Ende ihrer Karriere, weil man sie höchstwahrscheinlich „Antisemiten“ nennen wird. Aber in New York, der Stadt mit der größten jüdischen Bevölkerung auf der Welt, kann man, wenn man Courage hat, mit menschenrechtlichen Argumenten für die Sache der Palästinenser Wahlen gewinnen.


Ruhrgebiet und Großbritannien: Die Intendantin des diesjährigen Kulturfestivals Ruhrtriennale hatte das Edinburgher Hip-Hop-Trio Young Fathers erst ein-, dann aus- und dann wieder eingeladen.

Ausgeladen wurden sie wegen ihrer Nähe zu BDS [Boykott, Desinvestment und Sanktionen gegen Israel]: Sie hatten 2017 ihren Auftritt beim Berliner Pop-Kultur-Festival abgesagt, weil die israelische Botschaft die Reisekosten israelischer Künstler mitfinanziert hatte. Wieder eingeladen wurden sie dann sowohl deswegen, weil sich die Intendantin überzeugt hatte, dass die Young FathersAntisemitismus ablehnen, als auch, weil einige andere Künstler als Reaktion auf die Ausladung ihrerseits ihre Teilnahme in Frage stellten. Die Wiedereinladung nahmen die Young Fathersaber nach diesem Affront nicht mehr an.

Als Reaktion auf die deutschen Befindlichkeiten veröffentlichten 80 Prominente ein Schreiben im britischen Guardian. Darin heißt es:

„Wir sind von Versuchen in Deutschland irritiert, Künstlern, die palästinensische Menschenrechte unterstützen, Bedingungen zu stellen. Wir sind froh, dass der internationale Aufschrei das Ruhrtriennale-Kunstfestival überzeugt hat, seine repressive Entscheidung zurückzunehmen (…). Zwar haben wir unterschiedliche Ansichten zu BDS, aber wir sind uns darin einig, dass dies ein legitimer Gebrauch der freien Meinungsäußerung ist. (…) Das ist die Ansicht der EU, Hunderter US-Rabbiner, des Dachverbands der Menschenrechtsorganisationen FIDH, der American Civil Liberties Union und Hunderter europäischer NGOs.“

Die Liste der Menschen, die diesen Aufruf unterzeichnet haben, ist so beeindruckend, dass wir sie hier komplett anführen wollen — nicht zuletzt in der Hoffnung, deutsche PolitikerInnen, KünsterInnen und andere Verantwortliche zu ermutigen und ihnen zu zeigen: Ein JA zu Menschenrechten ist nicht gleich Antisemitismus, wenn es um palästinensische Menschenrechte — und somit unweigerlich um Kritik an israelischer Besatzungspolitik geht. Warum dies nicht nur wichtig, sondern äußerst drängend ist und daher höchste Priorität haben sollte, erfahren Sie in diesem aktuellen Bericht der Palaestina-Nachrichten.

Mai Abu ElDahab Director, Mophradat 
Tunde Adebimpe Musician
Antonia Alampi Artistic co-director, Savvy Contemporary
Nir Alon Artist
Julia Aranda Artist
Mohammed Bakri Actor
Saleh Bakri Actor
Jeff Barrett Founder, Heavenly Recordings
Yves Berger Artist
Judith Butler Philosopher
David Calder Actor
Noam Chomsky Linguist, philosopher
Julie Christie Actor
Caryl Churchill Playwright
Jarvis Cocker Musician
Molly Crabapple Artist, writer
Liam Cunningham Actor
Angela Davis Political activist, academic
Lawrence Dreyfus Director, Phantasm viol consort
Tania El Khoury Artist
Brian Eno Composer, producer
Reem Fadda Curator
David Farr Writer, director
Chiara Figone Archive Books/Kabinett/Journal
Marina Fokidis Curator, writer
Rebecca Foon Musician
Peter Gabriel Musician, founder, Womad festival
Dani Gal Artist
Danny Glover Actor
Carl Gosling Heavenly Recordings
Ian Ilavsky Co-founder, Constellation Records
Iman Issa Artist
Ghada Karmi Writer, academic
Aki Kaurismaki Film director
AL Kennedy Writer
Naomi Klein Writer
Judith Knight Co-director, Artsadmin
Hari Kunzru Writer
Paul Laverty Screenwriter
Mike Leigh Writer, director
Mason Leaver-Yap Associate curator, KW Institute for Contemporary Art
Ken Loach Film director
Jens Maier-Rothe Curator
Jumana Manna Artist
Miriam Margolyes Actor
Yann Martel Author
Massive Attack Band
Thurston Moore Musician
David Morrissey Actor
Nicholas Mirzoeff Cultural theorist
Danny Mitchell Heavenly Recordings
Leil Zahra Mortada Film-maker
Viggo Mortensen Actor, writer, artist
Karma Nabulsi Professor of politics
Mira Nair Film director
Bonaventure Ndikung Founder, Savvy Contemporary
Paul Northup Director, Greenbelt Festival
Rebecca O’Brien Film producer
Ilan Pappe Historian
Jocelyn Pook Composer
Cat Power Musician
Jeremie Pujau Artist
Fanny-Michaela Reisin President, International League for Human Rights
Michael Rosen Children’s poet, broadcaster
Eran Schaerf Artist
James Schamus Screenwriter, producer, director
Eyal Sivan Documentary film-maker
Harry Leslie Smith Writer
John Smith Artist, film-maker
Patti Smith Musician
Jesse Smith Musician, activist
Desmond Tutu Archbishop Emeritus of Cape Town, South Africa
Alice Walker Writer
Roger Waters Musician
Eyal Weizman Architect
Vivienne Westwood Designer
Don Wilkie Co-founder, Constellation Records
Tim Wilson Founder, Vault festival
Tim Wise Writer

BIB Aktuell #23: Kampf um Meinungshoheit

In der letzten Zeit wird in Deutschland und Österreich immer öfter – manchmal auch erfolgreich – versucht, Veranstaltungen zu verhindern und Veranstalter und Referenten zu verunglimpfen, die die palästinensische Position im Nahostkonflikt zu Wort kommen lassen. Der Vorwurf: sie würden „antisemitische“ Positionen vertreten. Die sogenannte „Werteinitiative“, nach eigenen Angaben eine Gruppe von in Deutschland lebenden Juden, geht jetzt mit ihrem Offenen Brief der Forderung nach Abberufung von Dr. Bettina Marx, Büroleiterin der Heinrich-Böll-Stiftung in Ramallah, noch weiter. Anlass ist Bettina Marx‘ Gastkommentar in der Deutschen Welle.

Es gibt nur wenige deutsche Journalistinnen und Journalisten wie Bettina Marx, die über fundierte Kenntnisse der Region verfügen und ihre kritische Sicht auf die Situation vor Ort dezidiert äußern, etwa in ihren Büchern wie z.B. in „Gaza: Berichte aus einem Land ohne Hoffnung“. Im Oktober 2015 erhielt Bettina Marx den Medienpreis der Deutschen Initiative für den Nahen Osten.

Screenshot (Quelle: boell.de)

Die Behauptungen der „Werteinitiative“ halten einer Überprüfung nicht stand. Generell bestreitet sie die Tatsache der Besatzung – im Gegensatz zu den Vereinten Nationen, der EU und der Bundesregierung – und verharmlost die Siedlungspolitik der israelischen Regierung als „schwierige bauliche Gemengelage“ – obwohl diese Siedlungen völkerrechtswidrig und auch rein pragmatisch das größte Hindernis für einen Frieden zwischen Israel und Palästina sind.

BIB-Mitglieder Ekkehart Drost und Gerhard Fulda, die Jüdische Stimme für gerechten Frieden und andere Personen und Vereinigungen haben mittlerweile an die Heinrich-Böll-Stiftung und die Deutsche Welle geschrieben und die Person und Position von Bettina Marx unterstützt. Wenn Sie dies Ihrerseits tun möchten: Die Zuständige für Palästina ist die Vorsitzende der Böll-Stiftung Frau Barbara Unmüßig (barbara.unmuessig@boell.de), zuständige Referentin ist Frau Nord (nord@boell.de). Bei der Deutschen Welle, per Mail an info@dw.com zu erreichen, sind zuständig Peter Limbourg als Intendant, Gerda Meuer als Programmdirektorin und Ines Pohl als Chefredakteurin.

In diesem Zusammenhang möchten wir auf ein SZ-Interview vom 23. Juni 2018 mit dem israelischen Schriftsteller David Grossmann verweisen, der zweifelsfrei ein heimatliebender Patriot ist („Wenn man mich aussuchen ließe, wo ich wohnen möchte, würde ich immer Israel sagen.“). Gleichzeitig bezeichnet er u.a. die Besatzung als „Katastrophe für die Palästinenser und die Israelis“ und bestätigt die Aussagen und Einschätzungen von Bettina Marx („Israel kann sich heute nicht wirklich als eine Demokratie bezeichnen.“). Sein Dilemma wird deutlich, wenn er Merkels Flüchtlingspolitik lobt, „die Grenzen nicht zu schließen“, ohne auch nur ein Wort darüber zu verlieren, dass Israels Armee an der Grenze zu Gaza in den letzten Wochen über Hundert Menschen erschossen und Tausende verletzt hat, die für ihr Rückkehrrecht als Nachkommen der 1948 aus Israel Vertriebenen demonstrierten.

 

BIB Aktuell #22: Bernie Sanders bringt Kritik an Israel in den Mainstream

Am 11. Juni 2018 erschien der folgende Artikel von Peter Beinart im Forward. Die Übersetzung aus dem Englischen besorgten Rudolf Scholten und Rolf Verleger. Wer lieber das englische Original liest, findet es hinter diesem Link.



Screenshot von The Forward (Quelle: forward.com)

BERNIE SANDERS‘ KRITIK AN ISRAEL IST RADIKAL. UND ER BRINGT SIE IN DEN MAINSTREAM
von Peter Beinart

Nicht viele Medienleute haben das bemerkt – verständlich angesichts des Problems, mit Donald Trump Schritt zu halten – , aber im Windschatten von Trump und Benjamin Netanjahu stellt Bernie Sanders den US-amerikanischen Diskurs über Israel auf dramatische Weise in Frage.

Wenn Sanders 2020 wahrscheinlich für die Präsidentschaft kandidiert und die Journalisten ihm wieder mehr Aufmerksamkeit schenken, werden sie schockiert sein. Die israelische Regierung und das amerikanisch-jüdische Establishment werden völlig außer sich sein.

Letzten Monat überschritt Sanders eine der roten Linien, die den politisch akzeptierten Diskurs in Washington über Israel abgrenzt. Er organisierte den ersten Brief von mehreren Senatoren, der Israels Blockade des Gazastreifens kritisiert. Letzte Woche ging er sogar noch weiter, mit einem Video, das anders ist als alles, was ich jemals von einem amerikanischen Senator gesehen habe.

Um zu verstehen, wie radikal Sanders‘ Video ist, sollte man sich daran erinnern, wie liberale Demokraten wie Barack Obama, John Kerry und Hillary Clinton vor zwei Jahren über Israel und die Palästinenser redeten. Obama, Kerry und Clinton kritisierten zwar manchmal die israelische Politik, argumentierten aber im allgemeinen mit israelischem Eigeninteresse – nicht mit palästinensischen Menschenrechten. Die israelische Siedlungspolitik sei schlecht für Israel, sagten sie, weil sie Israels Zukunft als demokratischer jüdischer Staat bedrohe.

Zu Gaza hat die Obama-Regierung Israel nie öffentlich aufgefordert, mit der Hamas zu verhandeln, sogar nicht als dies frühere israelische Sicherheitschefs taten. Und im Endeffekt unterstützte Obama Israels Haltung, dass die Palästinenser keine Wahlen abhalten dürften, weil die Hamas gewinnen könnte (dies trotz der Tatsache, dass israelische Parteien, die gegen die Zwei-Staaten-Lösung sind – darunter der Likud – bei israelischen Wahlen immer wieder antreten).

Als Gaza 2016 bei den Vorwahlen der Demokraten als Thema aufkam, gab Clinton die Schuld für die Leiden der Bevölkerung ausschließlich der Hamas. „Denken Sie daran“, erklärte sie, „Israel hat Gaza verlassen. Sie haben alle Israelis mit herausgenommen. Sie haben den Schlüssel dem palästinensischen Volk übergeben. Und was passierte? Hamas übernahm Gaza. Anstatt also eine blühende Wirtschaft zu errichten mit den Chancen, die den Kindern der Palästinenser gebührt, haben wir einen Terroristenhort, der immer mehr Raketen aus dem Iran und anderswoher bekommt.“ Ihre Bemerkungen, nachweislich falsch, hätten leicht auch von Marco Rubio oder Ted Cruz stammen können (rechtsgerichtete Bewerber der Republikaner für die Präsidentschaftskandidatur bei der letzten Wahl, Anm. d. Ü).

Man vergleiche das mit dem letzte Woche veröffentlichten Video von Sanders (dem dritten, das er seit April zu Gaza herausgebracht hat). Als erstes fällt auf, dass es ausschließlich aus Interviews mit Palästinensern in Gaza besteht. Das allein ist außergewöhnlich, denn Palästinenser in Gaza kommen fast nie in Debatten im amerikanischen Fernsehen vor. Palästinenser werden nur selten zu öffentlichen Debatten und Informationsveranstaltungen auf dem Capitol Hill eingeladen, und wenn sie es werden, ist das immer äußerst umstritten.

In seinem Video lässt Sanders Palästinenser aus Gaza für sich sprechen. Und sie sagen Dinge, die amerikanische Politiker niemals sagen. Immer wieder nennen die Sprecher, die keine Politiker sind, sondern Akademiker, Studentinnen und Journalistinnen, Gaza ein ‚Gefängnis‘. Sie reden davon, nur vier Stunden Strom pro Tag zu haben. In einem komisch-tragischen Moment geht das Licht hinter einer jungen Frau an, während sie spricht. Sie merkt dazu an, dass die Stromversorgung jetzt gerade nach 16 Stunden wieder hergestellt wurde. Dann flackert es wieder und geht aus.

Ein Politikprofessor berichtet, dass seine Familie Gaza seit mehr als 20 Jahren nicht mehr verlassen hat. Ein junger Mann sagt, sein größter Traum sei es, einmal in seinem Leben aus Gaza auszureisen, nur um zu sehen, wie das Leben außerhalb der Gefängnismauern aussieht. Später äußert er, dass viele seiner Freunde Selbstmordgedanken haben. Sie können nicht ohne jede Art von Hoffnung leben. Eine junge Frau sagt: „Ich möchte, dass sich die Situation so verändert, dass ich mich gleichberechtigt mit Israelis fühlen kann.“

Indem Sanders‘ Videos den normalen Palästinensern ermöglichen, auf ihre Notlage hinzuweisen, ermöglichen sie den Amerikanern, den großen Rückkehrmarsch nicht als das Produkt eines blinden Hasses auf Israel zu sehen, sondern als ein zutiefst menschliches Verlangen nach einem besseren Leben. „Dieser Protest“, sagt der Professor, „wurde von jungen, unabhängigen und frustrierten Palästinensern geplant und in Szene gesetzt, die ihre Lebensbedingungen satt haben und davon müde und erschöpft sind.“

Und indem es normalen Palästinensern ermöglicht, für sich selbst zu sprechen, zeigt das Video, wie unmenschlich es ist, die Menschen, die gegen die israelische Blockade demonstrieren, als Schachfiguren oder „menschliche Schutzschilde“ von Hamas darzustellen. Glänzend ist Sanders‘ Video, wenn es Ausschnitte von amerikanischen Experten einspielt, die die Hamas für die Proteste verantwortlich machen, und dann die Palästinenser in Gaza etwas tun lässt, was sie im amerikanischen Fernsehen selten tun können: darauf zu antworten.

„Ich rede mit dir. Ich bin nicht von Hamas“, ruft ein Mann. „Es ist eine große Lüge zu behaupten, dass die Hamas palästinensische Kinder und Frauen an die Front treibt“, sagt der palästinensische Professor. „Die Mehrheit der Menschen folgt nicht der Hamas“ beharrt der junge Mann. „Sie nehmen nur friedlich teil, weil sie frei sein wollen.“

Kritik an der Hamas ist sowohl legitim als auch notwendig. Sanders‘ Video zeigt jedoch, wie die Besessenheit der Medien gegenüber der Hamas die menschlichen Ursachen des palästinensischen Protests und die menschlichen Konsequenzen der brutalen Reaktion Israels verdeckt.

„Die richtige Frage ist nicht, ob sie jemand auffordert, zum Zaun zu gehen“, legt eine junge Frau dar. „Die richtige Frage ist, was diese Menschen dazu bringt, zum Zaun zu gehen. Welche Umstände bringen Leute dazu, ihr Leben zu riskieren, wenn sie wissen, dass es Scharfschützen gibt, die bereit sind sie zu erschießen.“  Und wenn man diese Frau ansieht, stellt man sich vor, dass man selbst so verzweifelt wäre.

Seit Jahrzehnten ist die gängige Meinung, dass ein solches Video wie das von Sanders, das unmissverständlich und ohne Ausflüchte die Menschenrechte der Palästinenser thematisiert, politischer Selbstmord ist. Aber diese gängige Meinung wurde nie getestet. Politiker und Außenpolitikexperten der Demokraten sind so sehr an die Selbstzensur gewöhnt, dass das AIPAC (The American Israel Public Affairs Committee) und seine Verbündeten selten ein Exempel statuieren müssen. Sie sind sich selbst ein Exempel.

Sanders setzt darauf, dass sich die politische Landschaft verschoben hat. In gewisser Weise macht er in der Demokratischen Partei dasselbe wie Trump bei den Republikanern. Jahrelang zeigten Meinungsumfragen, dass normale Republikaner bei Freihandel und Einwanderung anders denken als die Parteispitze. Aber bis Trump war kein republikanischer Präsidentschaftskandidat unkonventionell und unerschrocken genug, um diese Meinungen in die Tat umzusetzen.

Genau das macht Sanders zu Israel. Er weiß, dass Netanjahus Widerstand gegen die Zwei-Staaten-Lösung, seine Unterstützung des Irak-Kriegs, seine Gefechte mit Barack Obama und seine Männerfreundschaft mit Trump die Unterstützung Israels unter Afroamerikanern, Progressiven und Jugendlichen massiv untergraben hat. Er weiß, dass seine möglichen Konkurrenten um die Präsidentschaft 2020 auf vielen politischen Feldern nach links ziehen werden – von der Gesundheitsversorgung über die Studiengebühren bis zum Mindestlohn – um mit einer demokratischen Basis Schritt zu halten, die sich durch die Finanzkrise, stagnierende Löhne, gescheiterte Kriege und Donald Trump radikalisiert hat. Er weiß aber auch, dass, wenn es um Israel geht, diese Konkurrenten durch ihre Ängste vor dem amerikanisch-jüdischen Establishment eingeschränkt sind.

Bernie Sanders, der jetzt bessere Chancen hat, Präsident zu werden, als jeder andere Jude in der amerikanischen Geschichte, hat keine Angst. Und als Folge davon könnte er in den nächsten zwei Jahren die amerikanische Debatte über Israel auf eine Weise verändern, wie wir es seit Jahrzehnten nicht erlebt haben.

Vielleicht erweist sich der Mut der Demonstranten in Gaza doch als ansteckend.

Peter Beinart,  *1971, ist Chefkolumnist bei The Forward und Privatdozent für Journalismus und Politikwissenschaft an der City University von New York. Er schreibt auch für The Atlantic und ist Politikkommentator bei CNN.


Falls Sie unsere Petition STOPPT DAS TÖTEN IN GAZA noch nicht unterschrieben haben, können Sie das noch jetzt hier nachholen. Fordern Sie mir uns zusammen die Bundesregierung auf, sich für das Ende der Gewalt in Gaza einzusetzen! Danke!

BIB Aktuell #21: BIB-Konferenz, Mord und Narreteien

FU Berlin: Noch gilt Meinungsfreiheit

Mehr als zweihundert Menschen nahmen am 25.-27. Mai an unserer Konferenz in Heidelberg teil. Das Programm der Tagung finden Sie auf unserem Online-Flyer.
Über die Podiumsdiskussion am 27. Mai berichtete ausführlich die Rhein-Neckar-Zeitungund eine Besprechung des ganzen Tagungsverlaufs von Abraham Melzer (mit interessanter Diskussion) findet sich hier.

Wir wollen die Vortragstexte oder Zusammenfassungen baldmöglichst online stellen, aber dies wird noch einige Zeit in Anspruch nehmen.

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Vortrag während der BIB-Konferenz mit vollbesetztem Zuschauerraum (Foto: privat)


Am Freitag dieser Woche brachten israelische Scharfschützen bei den Demonstrationen gegen das Eingesperrtsein im Gazastreifen wieder einen Menschen um: Sie erschossen die 21-jährige Rettungssanitäterin Razan al-Najjar, wahrscheinlich durch Schuss in die
Brust, kurz nachdem sie sich um einen Verletzten gekümmert hatte. Es ist entsetzlich. Die Mörder müssen vor Gericht gestellt werden. Dafür setzt sich u.a. medico international ein – und stößt auf Granit, wie hier eindrücklich beschrieben wird.

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Die 21jährige Razan al-Najjar in der weißen Medizinuniform, in der sie am 1.6. von israelischen Scharfschützen erschossen wurde. (Foto: medico)

 

Ohne sich über solche entsetzlichen Verbrechen den Kopf zu zerbrechen, gehen Leute, die sich für Freunde Israels halten, weiter ihren Narreteien nach. Die neuste Verrücktheit entzündete sich an Prof. Susan Slyomovics, die nächsten Mittwoch einen Vortrag an der FU Berlin hält. Sie ist Lehrstuhlinhaberin am Institut für Anthropologie der Universität von Kalifornien in Los Angeles. In ihrem Vortrag wird sie die Motive diskutieren, aus denen heraus ihre jüdische Mutter und Großmutter deutsche Wiedergutmachungszahlungen ablehnten. Diese Zahlungen wird sie mit Reparationszahlungen vergleichen, die Frankreich im Kontext seiner algerischen Kolonialpolitik speziell an algerische Juden zahlte. Schließlich wird sie versuchen, daraus Lehren zu ziehen, welche Rolle bei einer Beilegung des Israel/Palästina-Konflikts Reparationszahlungen an Palästinenser spielen können. 

Das verspricht, ein interessanter Vortrag in liberal-humanistischem Geist zu werden, auf dem Boden der jüdischen Familientradition der Referentin. Ganz anders sehen das jedoch die „Hochschulgruppe gegen jeden Antisemitismus Berlin“ mit vier weiteren Gruppen, die „Jüdisch“ oder „israelisch“ in ihrem Namen führen. Sie legten Prof. Paul Nolte (FU Berlin) in einem Brief vom 29. Mai nahe, diesen Vortrag abzusagen. Denn die Referentin bzw. ihr Vortrag sei antisemitisch, aus drei Gründen: Prof. Slyomovics unterstütze BDS (Boykott, Desinvestition und Sanktionen gegen Israel), ihr Vergleich jüdischer Überlebender mit arabischen Vertriebenen sei unstatthaft, und die bloße Nähe des Wortes Kolonialismus zum Israel/Palästina-Konflikt sei antisemitisch. 

Hier sollte also mal wieder im Namen der Antisemitismusbekämpfung Nachdenken über Geschichte und Politik und liberale, humanistische Meinungsäußerungen verboten werden. Jedoch sicherte der Adressat des Briefs, Prof. Nolte, Prof. Slyomovics zu, dass die FU sich der akademischen Freiheit verpflichtet fühle und daher wünsche, dass sie den Vortrag wie geplant halte. 

In der Tat: Da viele jüdische Intellektuelle in den USA BDS unterstützen, werden die geliebt-gewohnten akademischen jüdischen Partner aus den USA an deutschen Universitäten bald rar werden, wenn in Deutschland ein Redeverbot gegen BDS-Unterstützer erlassen werden sollte. 

BIB Aktuell #20: Das Töten geht weiter 

Kommentare und Analysen

Seit Wochen gleichen sich die Berichte aus Gaza: Es wird immer schlimmer. Während am 70. Jahrestag der Staatsgründung Israels die US-Botschaft in Jerusalem eröffnet wurde, starben im Gazastreifen über fünfzig Menschen, erschossen von israelischen Scharfschützen, wie medico berichtet. Ärzte ohne Grenzen beklagen, dass sich bei den Gaza-Protesten am Montag Schussverletzungen in Brust und Kopf häuften.

Bei aller Betroffenheit sollten Analysen und Kommentare zu den Ereignissen nicht übersehen werden.

  • Der Nahostexperte Michael Lüders analysiert in einem Deutschlandfunk-Interview die Ursachen des Protests der Palästinenser im Gazastreifen
  • Thomas Avenarius weist in der SZ darauf hin, dass sich die Palästinenser an neuen, ungewohnten Protestformen versuchen
  • Amira Hass widerlegt in Haaretz die Behauptung, die Menschen im Gazastreifen seien von der Hamas zum Protest aufgestachelt worden
  • Der Humanitarian Coordinator der UN-Organisation ochaopt weist auf die hohe Zahl von Getöteten und Verletzten im Gazastreifen hin und ruft zu schneller und umfassender Hilfe auf
  • Prominente Israelis haben einen Aufruf veröffentlicht, auf Deutsch im Tagesspiegel erschienen, in dem sie fordern: „Wir, israelische Bürger, die wünschen, dass unser Land sicher und gerecht ist, sind entsetzt und erschrocken über das massive Töten unbewaffneter palästinensischer Demonstranten in Gaza. Die Welt muss eingreifen!“
Um auf die unerträglichen Geschehnisse in Gaza zu reagieren, haben wir eine Petition auf OpenPetition gestartet. Bitte verbreiten sie diese und sammeln auch Sie Unterschriften; es wird Zeit, dass das Blatt sich wendet. Außerdem können Sie zusätzlich eine Petition bei avaaz unterschreiben, die bereits über eine halbe Million Unterschriften gesammelt hat.


Zum 70. Jahrestag der Staatsgründung hat BIB eine Anzeige in der Wochenzeitung Der Freitag geschaltet, wie Sie hier unten sehen und auch auf Facebook und auf Twitter teilen können. Zunächst sollte sie in der Berliner Zeitung (BZ) erscheinen, doch das hat die juristische Abteilung der BZ abgelehnt, wie wir im letzten BIB Aktuell berichteten.

Zudem blicken wir gespannt auf die mittlerweile ausverkaufte Konferenz in Heidelberg am kommenden Wochenende. Karten für Einzelveranstaltungen gibt es nur noch an der Tageskasse.


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