BIB Aktuell #41: Die christliche Israel-Lobby in den USA bekommt Gegenwind!

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Die Ergebnisse der Halbzeit-Kongresswahlen vom 6. 11. haben erneut deutlich gemacht, wie gespalten die USA sind. Das gilt auch für die Einstellung der Kirchen zum Israel/Palästina-Konflikt.
Dass evangelikale Gruppen maßgeblicher Teil der Israel-Lobby in den USA sind (dazu das Standardwerk von John J. Mearsheimer und Stephen M. Walt »The Israel Lobby and U.S. Foreign Policy«), ist auch hierzulande bekannt. Kaum zur Kenntnis genommen wird jedoch, dass in den christlichen Kirchen in den USA zunehmend deutlicher auch ganz andere Positionen vertreten werden.

Von den ca. 320 Mio. Einwohnern der USA bekennen sich ca. 230 Mio. (71 %) zum Christentum in diversen Konfessionen. Der National Council of the Churches of Christ in the USA (NCC) ist ein ökumenischer Zusammenschluss, traditionell eher links, und vertritt rund 40 Mio., also knapp ein Fünftel dieser Christen.

Am 11. Oktober trafen sich Vertreter des NCC und dreier christlicher Fachverbände: Der Unterstützerorganisation für palästinensische Christen Bright Stars of Bethlehem,  der christlichen Lobbyorganisation für Frieden in Israel/Palästina Churches for Middle East Peace und der progressiven afroamerikanischen Samuel DeWitt Proctor Conference. Ihr dort verabschiedeter Aufruf fordert u.a. die Anerkennung Ostjerusalems als Hauptstadt des Staates Palästina und mahnt eine »ausgeglichene Politik« der US-Regierung an, um zu einer gerechten Lösung des israelisch-palästinensischen Konflikts zu gelangen. Bereits 2017 hatte der NCC dagegen protestiert, Jerusalem zur Hauptstadt Israels zu erklären, und darauf hingewiesen, dass eine solche Entscheidung den Frieden in der Stadt und möglicherweise in der Region gefährden würde.

Verschiedene kleinere Konfessionen (teilweise Mitgliedskirchen der NCC) mit insgesamt ungefähr 15 Millionen Mitgliedern sind einen Schritt weitergegangen und haben in mehr oder weniger scharfer Form beschlossen, Unternehmen, die durch ihre Geschäfte an der israelischen Besatzung verdienen, zu boykottieren und kirchliche Investitionen aus diesen Unternehmen abzuziehen (s. Faith-Based Actions): bereits 2004 die Presbyterianer, 2005 Teile der Vereinten Methodistischen Kirche, seit 2012 mehrere regionale Quäker-Organisationen, 2013 die Mennoniten, 2015 die United Church of Christ, 2016 die Unitarier, die Allianz der Baptisten und die Evangelisch-Lutherische Kirche, 2018 die Episkopalkirche. In gleicher Richtung gingen Voten von progressiven katholischen Gremien, so 2007 der Nationalen Koalition amerikanischer katholischer Nonnen und 2016 der Konferenz höherer katholischer Oberer.

In diesem Sinne forderten der Weltkirchenrat und der NCC im September 2016 das Ende der Besatzung und des Siedlungsbaus sowie die Respektierung der Menschenrechte. Außerdem fordern sie die US-Regierung auf, die geplante Militärhilfe an Israel in Höhe von 38 Mrd.$ zu überdenken, »for the last thing needed at this time is more weapons«. Eine Forderung, die angesichts der großzügig subventionierten deutschen Waffenlieferungen an Israel auch an die deutsche Bundesregierung gerichtet sein könnte. Die Kirchen in Deutschland unterstützen zwar das EAPPI-Programm (Ecumenical Accompaniment Programme in Palestine and Israel), haben aber bisher auf den Hilfeschrei der Palästinenser in der Kairos-Erklärung von 2009 nicht positiv reagiert. Es ist an der Zeit, dass die deutschen Kirchen endlich ihre Zurückhaltung, die sie als doppelte Solidarität bezeichnen, aufgeben und sich wie die obengenannten Kirchen in den USA deutlich auf die Seite der Unterdrückten stellen. Desmond Tutu hat es klar ausgedrückt: »Wenn du dich in Situationen der Ungerechtigkeit neutral verhältst, hast du dich auf die Seite des Unterdrückers gestellt.« Auch dies gilt für unsere deutsche Bundesregierung.

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BIB Aktuell #40: Andreas Zumach gewinnt Debatte

Universität München am 7. 11. 2018: Ein brechend voller Hörsaal

Prof. Michael Meyen (am Pult) führt Andreas Zumach (sitzend) ein.

Am letzten Mittwochabend sprach Andreas Zumach an der Universität München (LMU) auf Einladung von Prof. Dr. Michael Meyen vom Institut für Kommunikationswissenschaft und Medienforschung. Zumach ist Journalist und langjähriger Korrespondent aus den UN-Gremien in Genf für deutsche Medien, u.a. die taz. Er ist Beirat unseres BIB.
Zumachs Vortrag „Israel, Palästina und die Grenzen des Sagbaren“ thematisierte die Angriffe auf die Meinungsfreiheit durch Sympathisanten der israelischen radikalnationalistischen Regierung. Wie zur Bestätigung der Thesen des Vortrags gab es im Vorfeld Angriffe auf die Veranstaltung (s. BIB Aktuell #39). Das Präsidium der LMU aber ließ nicht an der akademischen Freiheit rütteln.
Also kamen in den völlig überfüllten Hörsaal für 300 Personen auch 20-30 lautstarke Gegner der Veranstaltung, und zum ersten Mal seit langem gab es eine öffentliche Diskussion zwischen einem Verteter des völkerrechtlichen Diskurses, Andreas Zumach, und Sympathisanten der israelischen Radikalnationalisten.
Vortrag und Diskussion sind hier in voller Länge anzusehen. Wir finden, es hat sich gelohnt: Die Radikalnationalisten mussten sich letztlich widerwillig – trotz andauernder Rüpeleien – dem Diskurs aussetzen, und dabei sahen sie nicht gut aus, wegen des stringent argumentierenden, erkennbar angestrengten, aber stets souveränen Andreas Zumach.

BIB Aktuell #39: Veranstaltungen unter Beschuss

Es sind Rechtsextreme, die unsereins mit dem falschen Vorwurf von Antisemitismus zum Schweigen bringen wollen

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Zwei Veranstaltungen, viel Druck von rechts (Infos durch Klick aufs Bild)

Veranstaltungen, die sich etwa mit „Israel, Palästina und den Grenzen des Sagbaren“ – so der Titel von Andreas Zumachs Referat am kommenden Mittwoch an der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) – befassen, sind immer massiveren Angriffen ausgesetzt. Diese Angriffe kommen vor allem von rechten Kräften, die sich links-liberal geben, indem sie Angst vor Antisemitismus vorschützen und sich als „Freunde Israels“ bezeichnen. Besonders aktiv sind sie derzeit in München und Umgebung, aber sie sind so gut organisiert, dass es auch den Rest der Republik betrifft.

Zum Glück sitzen momentan an entscheidenden Stellen Menschen, denen man weder Artikel 5 GG (Meinungsfreiheit) noch sonstige demokratische Grundstrukturen erklären muss und die das einzig Richtige tun: Offene Gespräche zulassen, den Diskurs und die Auseinandersetzung suchen, Zuschauer*innen die Gelegenheit geben, sich eine eigene Meinung zu bilden. Mitnichten sagen diese Menschen – diese Woche der Präsident der LMU und der evangelische Pfarrer in Grafing – Veranstaltungen ab, nur weil diese im Vorfeld mit Schmutz beworfen werden. Hier die Ankündigung des Vortrags von Andreas Zumach an der LMU, hier der Link zur Veranstaltungsreihe in Grafing bei München sowie eine Ankündigung dazu in der lokalen SZ.

Es tut Not, sich die Akteure der vermeintlichen „Beschützer vor Antisemitismus“ anzuschauen, um zu erkennen, was diese Leute motiviert. Dann kann man entscheiden, wie man sich dazu positioniert. Konkret: Die Veranstaltung am Lehrstuhl Meyen mit Andreas Zumach – taz-Korrespondent, Preisträger, BIB-Beirat – wurde attackiert u.a. vom anonymen Absender „Münchner Bürger gegen Antisemitismus und Israelhass“, sowie – und das ist noch viel extremer – von sechs Organisationen, die im Namen von Israelis und Juden sprechen wollen, mit einem Erstunterzeichner namens Yonathan Shay. Shay ist als rechtsextremer Aktivist auf Facebook bekannt, wo er auf seiner Facebook-Seite vor der Islamisierung Deutschlands warnt, die 2000-jährige Besiedlung Samaras und Judäas legitimiert oder seine Solidarität mit dem Soldaten Elor Azaria bekundet und seine Freilassung fordert (Azaria hatte einen auf dem Boden liegenden verletzten Palästinenser erschossen und wurde von weiten Teilen der israelischen Bevölkerung und Regierung als Held gefeiert). Er schreibt für die rechtsextreme israelische Webseite Channel 20/Arutz Essrim, wo er in mehreren Artikeln Tausende in Berlin lebende Israelis als selbsthassende Juden verleumdet, die sogar schlimmer seien als Salafisten und Nazis. 
 
Es ist an der Zeit, eindeutig zu zeigen, wer hier welche Absichten verfolgt und welchem Zweck sie dienen sollen. Israel driftet nicht nach rechts, Israels Regierung und mit ihr viele Israelis sind bereits am rechten Rand angekommen. Das zeigt sich nicht nur im israelischen Alltag, das zeigt sich offen an der Spitze des Staates mit einem Ministerpräsidenten, der die Nähe von rechtsextremen Rassisten sucht, indem er sich anfreundet mit Politikern wie Trump, Orban, Wilders und Strache und sogar zur Vereidigung des Faschisten Bolsonaro nach Brasilien fahren möchte: Die israelische Regierung hat nichts gegen Faschisten, solange sie die israelische Unterdrückungspolitik gegen Palästinenser rechtfertigen.

Eine intellektuelle Auseinandersetzung bei uns in Deutschland mit Israels Besatzungspolitik und ihren Folgen, mit Aufforderungen zu gewaltfreien Aktionen und mit dem Ziel, ein friedliches (Zusammen)-Leben von Israelis und Palästinensern zu ermöglichen, darf nicht von rechten Kräften verhindert werden – ganz gleich welche Motivation sie vortäuschen.
 
Hier lesen Sie den Offenen Brief des rechtsradikalen Yonathan Shay und anderen* an den Präsidenten der Münchner Hochschule; die herausragende Antwort darauf des emeritierten Philosophieprofessors Dr. Georg Meggle sollten Sie sich aber auch auf keinen Fall entgehen lassen.

*Rolf Verleger schrieb als Reaktion auf diesen Offenen Brief seinerseits an den Präsidenten der LMU und überführt darin Y. Shay und seine Freunde der offenen Lüge.

BIB Aktuell #38: Siedlergewalt nimmt zu

Israelische Siedler töten palästinensische Mutter


Screenshot von palestinechronicle.com

Israelische Menschenrechtsorganisationen wie B`Tselem und Rabbis for Human Rights weisen seit langem auf die Zunahme von Gewaltaktionen israelischer Siedler gegen Palästinenser im besetzten Westjordanland hin. Dabei handelt es sich nicht nur um die Zerstörung von Obst- und Olivenbäumen, Brunnen und die Beschädigung von Moscheen, sondern um tätliche Angriffe auf Palästinenser und vermehrt auch gegen Frauen.

Der jüngste Vorfall ereignete sich am Freitagabend letzter Woche südlich von Nablus in der Westbank. Die 48jährige Aisha Al-Rawbi, Mutter von acht Kindern, war mit ihrem Mann und ihrer achtjährigen Tochter Rama auf dem Rückweg von einem Besuch in Hebron. Auf einer Straße südlich von Nablus, in unmittelbarer Nähe des israelischen Militärkontrollpunktes Zaatara, wurde das Fahrzeug plötzlich von einer Gruppe israelischer Jugendlicher mit Steinen beworfen. Ein Stein durchschlug die Windschutzscheibe, traf die 48jährige Mutter am Kopf, verletzte sie schwer; ihr Mann wurde leicht verletzt und  verlor die Kontrolle über das Fahrzeug. Im Krankenhaus erlag Aisha Al-Rawbi ihrer Verletzung.

Die UN und die USA haben ihr „Entsetzen“ geäußert – von Protesten hat man nichts gehört. Selbst die regierungs-unterstützende Zeitung Times of Israel berichtet über den Vorfall, zitiert dabei sogar die israelische Menschenrechtsorganisation Yesh Din (selbstverständlich wird in dem Beitrag Bezug genommen auf vorangegangene Aktivitäten von Palästinensern gegen Soldaten oder Siedler, für die seitens Siedler-freundlichen Führern harte Maßnahmen gegen die „Terroristen“ gefordert wird). Das deutsche Auswärtige Amt hüllt sich hingegen in Schweigen, wie die Palästina-Nachrichten berichten.

Einen Überblick mit zahlreichen Videos über weitere Angriffe von Siedlern auf Palästinenser im Raum Nablus im besetzten Westjordanland seit dem 11. Oktober gibt MA`AN News.

Der Sonderberichterstatter für Gewalt gegen Frauen vom UN-Menschenrechtsrat weist darauf hin, dass die Errichtung und Expansion der Siedlungen von einer Zunahme der Siedlergewalt gegen Palästinenser einschließlich Frauen und Mädchen begleitet ist. Das Frauenzentrum für Rechtshilfe und Beratung, eine palästinensische Organisation, hat Zeugenaussagen von 100 palästinensischen Frauen im israelisch besetzten Ost-Jerusalem gesammelt. Sie berichteten u.a. von zunehmender Brutalität der israelischen Polizei und systematische Gewalt gegen Frauen bei nächtlichen Razzien in Wohnungen von Familien und der Verhaftung von jungen Männern und Minderjährigen nach Protesten gegen die illegale Ansiedlung von Israelis.

B`Tselem weist darauf hin, dass nach Gewalttätigkeiten gegen Palästinenser und deren Eigentum die Polizei nicht einschreitet und die israelische Armee die gewalttätigen Siedler sogar noch schützt. „Siedlergewalt ist längst zum Bestandteil palästinenischen Lebens unter Besatzung geworden. Israelische Sicherheitskräfte ermöglichen diese Aktionen.”

BIB Aktuell #37: UN-Sonderberichterstatter Lynk bezeichnet Israel als Kriegsverbrecher

Lynk fordert Bestrafung der Täter


Schematische Darstellung des Gazastreifens und seiner Todesopfer am Trennzaun (Quelle: ochaopt.org)

Seit Beginn der Demonstrationen im Gazastreifen Ende März dieses Jahres wurden mehr als 205 Palästinenser nahe dem Gaza-Trennzaun von israelischen Soldaten getötet. Mehr als 21.000 Demonstranten wurden verletzt.

Die große Zahl an Opfern unter den Demonstranten ist auf exzessiven und gezielten Waffeneinsatz durch israelische Soldaten zurückzuführen. Michael Lynk, seit März 2016 UN-Sonderberichterstatter für die Menschenrechtslage in besetztem palästinensischem Territorium, weist darauf hin, dass es nach internationalen Rechtsgrundsätzen verboten ist, mit scharfer Munition auf Demonstranten zu schießen, es sei denn die Soldaten würden von den Demonstranten in Lebensgefahr gebracht. Nach seiner Auffassung war das ganz überwiegend nicht der Fall.

Daher könnten diese Geschehnisse laut Lynk den Tatbestand der vorsätzlichen Tötung erfüllen. Sie würden mithin „einen schwerer Verstoß gegen die Vierte Genfer Konvention und ein Kriegsverbrechen“ sowie “eine gravierende Verletzung des internationalen Menschenrechtskodex und des durch ihn gewährten Schutzes der Meinungs- und Versammlungsfreiheit“ darstellen. Lynk drückte seine Hoffnung aus, dass die kürzlich eingesetzte UN-Sonderkommission die Todesfälle gründlich untersuchen werde und dass dadurch die Täter ihrer gerechten Bestrafung zugeführt würden, wie in seiner Pressemitteilung zu lesen ist.

Diese 205 „Trennzaun“-Todesopfer binnen eines halben Jahres liegen nun schon in derselben Größenordnung wie die 239 Toten an der Berliner Mauer. Diese Menschen starben an der deutsch-deutschen Grenze in den 28 Jahren von 1961 bis 1989. Deutschland hat seine Lektion gelernt; dennoch ist zu befürchten, dass unsere Regierung ihre schützende Hand über die Aufklärung dieser möglichen israelischen Kriegsverbrechen halten wird.

Mehr Infos zu Gaza und Palästina finden Sie bei VisualisingPalestine.org, bei OchaOpt.org und speziell über die Wassersituation in Gaza im Bericht von Clemens Messerschmid bei weltnetz.tv.


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BIB Aktuell #36: Google Maps als  Sprachrohr der Besatzungspolitik?

Google Maps ignoriert teilweise palästinensische Orte


Screenshot der NGO 7amleh (Quelle: www.7amleh.org)

Wir alle wenden Google Maps an und wissen, dass man zwischen einer Kartendarstellung, einem Luftbild und einer Ansicht wählen kann, die sowohl eine Karte als auch das Luftbild darstellt. Man kann sich Straßen und Ortschaften ansehen und Fahrtrouten berechnen. Doch das entspricht nicht immer der Realität: Google Maps ignoriert alle Einschränkungen der Bewegungsfreiheit, die für Palästinenser*innen unter Besatzung real existent sind, wie das Arab Center for Social Media Advancement auf ihrer Website 7amleh in dieser Studie nachweist. Durch seine Weigerung, Checkpoints, Siedlerstraßen und palästinensische Orte so vollständig wie israelische Siedlungen abzubilden, macht sich Google Maps zum Komplizen der Verletzung der Menschenrechte und des Internationalen Rechts.

Was das in der Realität bedeutet, zeigt das folgende Beispiel: Tariq, der in dem Dorf Tell nahe Nablus lebt, hat festgestellt, dass sein Dorf auf Google Maps auch trotz aller Zoom-Versuche nicht zu finden ist — ganz im Gegensatz zu den illegalen israelischen Siedlungen im Westjordanland, die man ohne Probleme auf der digitalen Google-Landkarte entdeckt. Für Tariq bedeutet das: Wenn er von Tell nach Ramallah fahren will, muss er im Routenplaner die nahe gelegene israelische Siedlung Kdumim eingeben und wird dann auf eine Straße geleitet, die von Palästinensern nicht benutzt werden darf, da sie ausschließlich Siedlern vorbehalten ist — „only Jews“ ist da zu lesen. Er würde sich strafbar machen und sich möglicherweise Angriffen von Siedlern aussetzen. Google Maps kommt also seiner Verpflichtung nicht nach, die Realität abzubilden, sondern ignoriert die Verhältnisse im besetzten Westjordanland.

Auch in Deutschland gibt es diese Art von Realitätsverweigerung. Beispielsweise bietet das Reiseunternehmen RSD seit längerem Reisen an mit dem viel versprechenden Titel „Israel – 8 Tage. Auf den Spuren Jesu Christi – mit den berühmtesten Höhepunkten im ´Heiligen Land`“. Bei diesen Reisen stehen auch Bethlehem und Jericho auf dem Programm. Auf wiederholte Hinweise mehrerer Personen, dass Bethlehem nicht in Israel, sondern im besetzten Palästina liege und man die Reiseankündigung entsprechend ändern möge, bekamen alle – übrigens wortgleich – dieselbe Antwort: „Für uns als Reiseveranstalter ist es das größte Bestreben, unseren Kunden einen schönen Urlaub zu ermöglichen. Über politische Situationen vermögen wir nicht zu urteilen, sofern sie nicht die Sicherheit unserer Kunden gefährdet oder einschränkt. Wir bitten Sie daher um Verständnis, dass wir unserem Schreiben vom … nichts mehr hinzuzufügen haben und Ihr Anliegen hiermit als abschließend beantwortet sehen.“

Über politische Situationen zu urteilen, bleibt jeder und jedem unbenommen. So können auch Sie den Empfehlungen von 7amleh folgen und Google Maps hier Feedback geben, was nicht ohne mehrere Klicks geht, aber vielleicht doch effektiv ist, wenn es von verschiedenen Seiten kommt. Danke für Ihr Engagement!


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BIB Aktuell # 34: Rückblick auf erfolgreiche Tagung in Bad Boll

Tagung zur Krise der Dialogfähigkeit im Israel-Palästina-Konflikt findet trotz hohen Drucks statt

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v.l.n.r.: Dr. Michael Blume, Antisemitismusbeauftragter des Landes Baden-Württemberg, im konstruktiven Gespräch mit der Bundestagsabgeordneten Christine Buchholz (Die Linke), moderiert von Marius Stark (KoPI), am 22. September 2018 in der Evangelischen Akademie Bad Boll (Foto: privat)

Die evangelische Akademie Bad Boll hatte für 21. – 23. September zu einer Tagung über die Sprachlosigkeit der Kontrahenten im Israel-Palästina-Konflikt eingeladen. In der Ankündigung hieß es: „Die konstruktive Auseinandersetzung mit dem Konflikt ist in Europa in eine Krise der Dialogfähigkeit geraten. Fast jede kritische Äußerung (…) wird massiv gestört und durch unterschiedliche Vorwürfe, insbesondere dem des Antisemitismus, blockiert. (…) Welche Strategien führen zu einem konstruktiven Dialog? Welchen konkreten Beitrag können wir selbst dazu leisten?“

Im Vorfeld lud die Akademie Dutzende Politiker für aktive Beiträge ein. Alle sagten ab – bis auf Christine Buchholz (MdB, Die Linke) und – kein Politiker im engeren Sinne – Dr. Michael Blume, Baden-Württembergs Beauftragter gegen Antisemitismus. Ebenso wurden Aktivisten für Israel und für Palästina eingeladen. Die Pro-Israel-Aktivisten, u. a. aus dem Umfeld der Deutsch-Israelischen Gesellschaft, sagten alle ab, bis auf einen: Pfarrer Dr. Michael Volkmann, der sich auf Ersuchen der Evangelischen Landeskirche kurzfristig am Vorabend der Veranstaltung zu einem Beitrag bereit erklärte. Im Gegensatz zu dieser Boykotthaltung gegenüber der Veranstaltung nahmen etliche Aktivisten für Palästina die Einladung zum Gespräch an, u. a. unsere BIB-Mitglieder Annette Groth, Nirit Sommerfeld und Rolf Verleger. Insgesamt bestätigte also bereits diese Asymmetrie der Zusagen den Titel der Tagung: Die Dialogfähigkeit ist in der Krise.

Nicht genug damit, begannen eine Woche vor Tagungsbeginn Einzelpersonen und Institutionen eine massive Kampagne: Über die Akademie ergoss sich ein ‚Shitstorm’ von Anrufen, Briefen und Mails, um die Verantwortlichen dazu zu bewegen, die Veranstaltung wegen „Antisemitismus und Einseitigkeit“ abzusagen, was zuvor schon vielfach bei vorangegangenen vergleichbaren Veranstaltungen geschehen ist – siehe hier. Zu Beginn der Tagung am Freitag, den 21. September, erschien ein Artikel in der Welt mit der Schlagzeile „Israel-Feinde zu Gast bei der evangelischen Kirche„, in dem Rolf Verleger und Annette Groth namentlich genannt werden, sowie in der taz der Artikel „Nahostkonferenz in der Kritik„. Hier werden die Nakba-Ausstellung, Annette Groth, Christine Buchholz, Abi Melzer namentlich genannt.

Das Seminar fand trotzdem statt. Der Evangelischen Akademie Bad Boll ist dafür herzlich zu danken. Ganz anders hatte sich 2017 die Evangelische Akademie Tutzing verhalten: Eine ähnliche Veranstaltung sagte sie unter dem Druck der „Israel-Lobby“ ab, um sie „mit ausgewogenerer Besetzung“ und „zu einem späteren Zeitpunkt“ abzuhalten; darauf hoffen viele bis heute vergeblich.

Natürlich waren jetzt in Bad Boll genau die Momente am spannendsten, in denen Meinungen aufeinanderprallten. Dies gelang in bereichernder Weise beim Diskurs über die Nakba-Ausstellung. Auf die sachliche Präsentation der in der Ausstellung gezeigten Geschichtslinie durch die Macherin der Ausstellung Ingrid Rumpf folgte eine Ausstellungskritik von Michael Volkmann, der in ruhigem Ton Punkte benannte, was in seinen Augen einseitig sei oder gar nicht in der Ausstellung vorkomme. Leider kam die anschließende Diskussion aus Zeitmangel zu kurz.

Die Chance zum Dialog zwischen sehr unterschiedlichen Positionen bot sich auch bei Michael Blumes Beitrag, der einerseits mit Verve gegen BDS zu Felde zog, andererseits beim Publikum offene Türen eintrat, in dem er vehement für Gewaltfreiheit, das Existenzrecht Israels und einen menschlichen Umgang miteinander plädierte. Hinterher stand er für Fragen aus dem Publikum zur Verfügung, danach saß er mit Christine Buchholz auf dem Podium. Hier zeigte sich, wie man sich trotz unterschiedlicher Positionen sehr wohl im Dialog annähern und gemeinsame Ansatzpunkte finden kann.

Die gesamte Tagung war geprägt von dem massiven Druck, unter dem die Verantwortlichen bereits seit einer Woche standen und den sie dankenswerterweise offen kommunizierten. Tatsächlich mussten sie ihn kommunizieren, weil einige geladene Gäste ganz kurzfristig aufgrund des Drucks absagten und das Programm geändert werden musste. Insgesamt wurde das offene, abwechslungsreiche Format der Tagung, die wertvollen Beiträge und der respektvolle Umgang miteinander von allen Seiten gelobt. Auffallend war, dass die Tagungsteilnehmer mitnichten eine homogene Gruppe darstellten, sondern durchaus verschiedene Standpunkte und Erfahrungen gegenüber dem Israel-Palästina-Thema mitbrachten.

Die „Krise der Dialogfähigkeit“ erwies sich durchaus als treffender Titel; ebenso treffend wurde zum Ende der Tagung konstatiert: „Wer den Dialog verweigert, verweigert sich der Demokratie.“

Die in den Welt– und taz-Artikeln verleumdeten Personen erwägen Gegendarstellungen.

Wenn auch Sie den offenen Dialog unterstützen möchten, so schreiben Sie an die Akademie Bad Boll und danken Sie ihr dafür, dass …

–      sie dem Druck standgehalten hat

–      sie Voraussetzungen für Friedenslösungen durch Dialog bietet

–      sie eine Plattform für Begegnung bietet

–      sie sich den Menschenrechten ALLER Menschen verschrieben hat

–      …oder was auch immer SIE für wichtig halten!

Zuschriften an die Akademie Bad Boll an facebook oder an info@ev-akademie-boll.de

Lesenswert:
Stellungnahme der Leitung der Akademie Bad Boll zur Kritik an der Tagung.
Wortlaut von Judith Bernsteins Tagungsbeitrag: „Wann ist Kritik an Israel antisemitisch?“

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PS: Leider wurde die Tagung nicht aufgezeichnet. Demnächst wird es aber Videos von den Vorträgen unserer BIB-Konfernz in Heidelberg online geben.