BIP-Aktuell #196: Nachrufe auf Prof. Dr. Rolf Verleger

Freunde und Kollegen verabschieden sich

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Stimmen aus dem Bündnis für Gerechtigkeit zwischen Israelis und Palästinensern e.V.

Rede bei Rolfs Beerdigung

Liebe Anne, liebe Familie Verleger, liebe Trauergäste,
Mishpat we zedaka – Recht und Gerechtigkeit sollen fließen wie ein nie versiegender Strom, so sagte der Prophet Amos (5,24). Seine Worte haben mich für das ganze Leben geprägt.
Was Dir verhasst ist, tu Deinem Nächsten nicht an! Diese Worte von Rabbi Hillel prägten das Leben von Rolf Verleger.
Wir beide begegneten uns erstmals gemeinsam mit unserem Freund Rupert Neudeck vor sieben Jahren bei einer Kundgebung vor dem Sitz des Bundespräsidenten. Ein Jahr später gründeten wir das Bündnis für Gerechtigkeit zwischen Israelis und Palästinensern, Professor Dr. Rolf Verleger wurde Vorsitzender.
Rolf Verleger hat viele beeindruckt mit seiner klugen, differenzierten und geduldigen Art, seine aufrechte, mutige Haltung. Das Bemerkenswerteste waren seine klaren Botschaften, die er ruhig und damit umso nachdrücklicher formulierte, immer eingebettet in Herzlichkeit und Wertschätzung.
Er wird uns fehlen mit seiner wissend-entschiedenen und dennoch ausgleichenden Art.
Er war ein Humanist, ein Gerechter. Er bleibt ein Leuchtturm für viele Menschen, die nach einem gerechten Frieden suchen. Danke, Rolf.
Felix Mendelssohn-Bartholdy hat die wunderbaren Psalmworte (55,23) vertont:
Wirf dein Anliegen auf den Herrn, der wird für dich sorgen; er wird den Gerechten in Ewigkeit nicht wanken lassen!

Dr. Martin Breidert
Vorsitzender Bündnis für Gerechtigkeit zwischen Israelis und Palästinensern e.V.

Rolf Verleger, mein Lehrer, moralischer und politischer Wegweiser, ist verstorben, kurz vor seinem 70. Geburtstag. Er war nicht nur mein Kollege, sondern auch ein guter Freund.
Rolf war Mitglied des Vorstands der Jüdischen Gemeinde zu Lübeck und Vorsitzender des Landesverbandes der Jüdischen Gemeinden von Schleswig-Holstein. Während der israelischen Invasion in den Libanon im Jahr 2006, die fast 2.000 Menschen (90% davon Libanesen) das Leben kostete, blieb Rolf nicht still. Er kritisierte die israelische Aggression; deshalb wurde sein Mandat als Vertreter seines Landesverbands im Zentralrat der Juden widerrufen.
Rolfs Stil des politischen Aktivismus wurde durch seine akademische Arbeit geprägt. Er hat nicht nur seinen Mitstreiter:innen ein enormes Wissen vermittelt, sondern war auch bereit, selbst zu lernen und seine Meinung zu ändern, wenn er mit für ihn unbekannten Fakten konfrontiert wurde. So lernte er zum Beispiel während der Diskussionen in der Jüdischen Stimme, dass die Trennung zwischen “biblischem Hebräisch” und “modernem Hebräisch” (das die Deutschen fälschlicherweise “Iwrit” nennen) eine künstliche Trennung ist, die von der zionistischen Bewegung erfunden wurde, und dass modernes Hebräisch schon lange vor der Gründung der zionistischen Bewegung in Zeitungen und Büchern gesprochen und geschrieben wurde. Rolfs Bescheidenheit, mit der er anerkannte, dass er etwas Neues gelernt hatte, war ein Beispiel für mich.
Rolf, dessen ganzes Leben vom Aufwachsen bei traumatisierten Eltern geprägt war, wurde auch von anonymen proisraelischen Aktivist:innen in Freiburg, vom Jungen Forum der Deutsch-Israelischen Gesellschaft in Heidelberg und von proisraelischen Gruppen in Mannheim des Antisemitismus bezichtigt. Gegen ihn wurden hasserfüllte Flugblätter verteilt, sein Mannheimer Vortragssaal wurde vom Veranstalter gekündigt – man verweigerte ihm das Rederecht. Dennoch hat Rolf stets gelassen reagiert und ist den Vorwürfen gegen ihn mit Fakten begegnet.
Im Rahmen seiner Arbeit für BIP organisierte Rolf eine Petition an deutsche Universitäten, nachdem die Hochschulrektorenkonferenz (HRK) 2019 beschlossen hatte, die IHRA-Arbeitsdefinition von Antisemitismus zu übernehmen, ohne ihre diffamierende Absicht zu verstehen und ohne Gegenargumente zu hören. In der Petition wurde davor gewarnt, jede Form der Kritik an der israelischen Politik mit Antisemitismus zu verwechseln und dabei das wachsende Phänomen des proisraelischen Antisemitismus zu vernachlässigen. Über 2.000 Professor:innen und Dozent:innen an deutschen Hochschulen unterzeichneten die Petition und stellten den HRK-Beschluss als fehlgeleitete Geste bloß.
Rolf hat auch Vorträge gehalten, in denen er seine Analysen einem großen Publikum näherbrachte, obwohl mehrfach versucht wurde, ihn zum Schweigen zu bringen. Sein bekannter Vortrag über Antisemitismus in Deutschland zeigte einen klaren Zusammenhang zwischen der Unterstützung der Menschenrechte von Jüd:innen und der von Palästinenser:innen auf. Die Botschaft erreichte Tausende von Deutschen, nicht aber die deutsche Regierung, die den Staat Israel weiterhin als Verkörperung des jüdischen Volkes betrachtet. Dieser Vortrag basiert auf einer Studie von Wilhelm Kempf aus dem Jahr 2015, für die Rolf das Vorwort geschrieben hat.
In seinen letzten Tagen litt Rolf unter seiner Krankheit, aber er teilte seine Zeit weiterhin zwischen seiner Familie und seinem politischen Engagement auf. Selbst als er nicht mehr in der Lage war, Texte zu schreiben, nutzte er seine Verbindungen, um Redner einzuladen, Vorträge zu moderieren und Veranstaltungen zu kommentieren.
Ich bin Rolf persönlich dankbar, dass er mich trotz meiner unzureichenden Deutschkenntnisse für BIP gewinnen konnte und mir die Geschäftsführung der Organisation anvertraute.

Dr. Shir Hever, BIP-Geschäftsführer

Nachruf auf Rolf Verleger, am Tag nach seinem Tod (9.11.21)
Ruhe im Shalom, Rolf! Es ist für mich unfasslich, dass Du uns so schnell verlässt. Du warst und bist in meinem Leben sehr präsent. Du gehörst für mich zu den jüdischen Freunden, die mich befreit haben von dem deutschen kollektiven Imperativ: „Ihr müsst zu Unrecht schweigen, wenn es um den Staat Israel geht“. Im öffentlichen Raum gehörtest Du zu den biografisch, intellektuell und charakterlich absolut integren und authentischen Zeugen für die Wahrheit. Deine Stimme ist unersetzbar. Für meine Studierenden ist es unvergesslich, wie Du im Sommersemester 2019 zusammen mit Shir Hever unser Seminar gestaltet hast zum Thema: Gerechtigkeit in Palästina/Israel im kolonialen Kontext in historischer und theologischer Perspektive.
Du führtest uns in Dein Buch ein: Hundert Jahre Heimatland? Judentum und Israel zwischen Nächstenliebe und Nationalismus und halfst uns in Deiner entspannten und humorvollen Weise, mit den Antisemitismusvorwürfen im Namen der deutschen Staatsräson umzugehen. Wir danken Dir, Rolf.

Prof. Dr. Ulrich Duchrow, BIP-Mitglied


Erinnerung an Rolf Verleger: Einer, der gegen den Strom schwamm
Vor 15 Jahren war Rolf Verleger bundesweit noch kaum bekannt. Im Herbst 2006 startete er einen öffentlichen Aufruf, die heute weitgehend vergessene „Berliner Erklärung Schalom 5767“. Den Text, der die deutsche Regierung unmissverständlich aufforderte, „die israelische Besatzungspolitik nicht länger zu tolerieren“, hatte er zusammen mit Jüdinnen und Juden in Deutschland formuliert. Ich fand die Erklärung sehr wichtig und konnte schließlich die Zeitung „Neues Deutschland“ für ein Interview gewinnen. Auf diese Weise kam ich erstmals mit Rolf Verleger direkt in Berührung. In dem Interview vom Dezember 2006 ( www.nd-aktuell.de/artikel/102382.nicht-mit-unrecht-identifizieren.html ) sagt er an einer Stelle: „Jeder weiß, dass die israelische Politik im Widerspruch zu internationalen Rechtsnormen steht. (…) Aber man sagt das alles ungern öffentlich. Dadurch brodelt es unter der der Decke.“
Rolf Verleger hatte die verwegene Hoffnung, dass die „Berliner Erklärung“ große Resonanz bei der nichtjüdischen deutschen Bevölkerung finden und dies einen Kurswechsel der deutschen Politik fördern könne (http://www.schalom5767.de/petition.html ). Das erwies sich als große Illusion: das hochgesteckte Ziel von einer Million Unterschriften wurde nicht annähernd erreicht. Nüchtern konstatierte er nach einem Jahr: „Mit rund 14.000 tatsächlichen Unterschriften wurde dieses Ziel nur zu rund 1,4 Prozent erreicht, über 98 Prozent fehlen.“
Er fügte damals einige Sätze hinzu, die auch 15 Jahre später noch Gültigkeit haben: „Solange Israel nicht gegenüber den Palästinensern die Hand ausstreckt und um Verzeihung bittet für das Unrecht der Vertreibung 1948, der folgenden Enteignung palästinensischen Landes und Besitzes und der zahlreichen Untaten unter dem Besatzungsregime, solange wird es keinen Frieden geben.“ Die deutsche Bevölkerung wisse das, meinte er, Umfragen zeigten das. „Es kommt nur darauf an, diese Meinung politisch vernehmbar zu artikulieren. Ein Anfang ist gemacht, und so besteht weiterhin die Chance, dass irgendwann die veröffentlichte Meinung kippt.“
Daran hat Rolf Verleger bis zuletzt unermüdlich gearbeitet. Er hielt zahlreiche Vorträge, beteiligte sich an Podiumsdiskussionen und gründete mit anderen das „Bündnis für Gerechtigkeit zwischen Israelis und Palästinensern“.
Ich hatte das große Glück, diesen außerordentlich kenntnisreichen, engagierten und trotz allem optimistischen und freundlichen Mann mehrfach auch in Lübeck zu treffen. In München wird sein leidenschaftlicher Vortrag im vollbesetzten Saal des Literaturhauses über sein Buch „Israels Irrweg“ vielen in Erinnerung bleiben.
Vor Jahren hat er seine Mit-Erstunterzeichner der „Berliner Erklärung Schalom5767“ von 2006 einmal als „interessante, charmante und mutige Menschen, die gegen den Strom schwimmen können“ charakterisiert. Rolf Verleger war ein solcher in ganz besonderem Maß.

Henning Hintze, BIP-Mitglied


Rolf Verleger in Heidelberg. Quelle: Peter-Michael Kuhn, 2018.

Rupert Neudeck – Rolf Verlegers Weggefährte
Rolf Verleger ist gestorben, weil wir alle mit dem Tod in uns geboren werden. Sein zugewandtes Lächeln werde ich nicht vergessen; auch nicht seine unbedingte Wahrheitsliebe. Er war ein leiser stetiger Kämpfer, kein Schreier; ganz besonders setzte er sich als Jude für die Palästinenser ein. Er gab wie Rupert die Hoffnung auf eine Veränderung zum Guten im Heiligen Unheiligen Land Israel nicht auf. „Wenn man die richtigen Lehren aus dem Dritten Reich gezogen hat, kann man zu heutigem Unrecht nicht schweigen. (Beides war ihm wichtig). Wer sich für Menschenrechte einsetzt, braucht Rückgrat – auch wenn er sich den Vorwurf des Antisemitismus einhandelt.“ Das sagte er und so lebte er. Im Talmud gibt es die Geschichte von den 36 Gerechten, ohne deren selbstlose Werke die Welt längst verfallen wäre. Niemand weiß, wer sie sind. Wenn ein Gerechter abberufen wird, wird ein neuer geboren. Ich möchte mir gern vorstellen, dass Rupert Rolf empfangen hat und dass beide uns Lebenden helfen, ihre Arbeit fortzusetzen.

Christel Neudeck,ihr verstorbener Mann war Mitbegründer von BIP

Liebe trauernde Familie, liebe trauernde Gemeinde und BIP Mitglieder,
nach meinen fast 5 Jahren in Palästina und Israel von 2010-2014, war es mir eine große Freude und Ehre, das Bündnis zur Beendigung der israelischen Besatzung/BIB 2016 mitzugründen.
Es waren die Vorträge und Texte unseres Gründungsvorsitzenden Rolf, die mir nach so viel Verzweiflung und Frustration über die Lage vor Ort wieder Hoffnung und Mut gemacht haben, für eine gerechte Lösung zwischen den Konfliktparteien einzustehen. Nicht nachlassen und den Kopf nicht in den Sand stecken, war seine Devise, die uns und mich regelmäßig ermutigt haben. Wenn er, dessen Vorträge abgesagt, der von der eigenen Community gebannt und beschimpft wurde, nicht nachlassen konnte, wie sollte ich nicht seinem Rat folgen?
Ja, sagte er mir mal, klar sind wir einseitig, einseitig für den Frieden und für Gerechtigkeit zwischen Palästinensern und Israelis, und das sagen wir, ob es gehört wird, werden wir sehen. Seine Gewissheit und Zuversicht, seine Klarheit und Stringenz in Wort und Tat, war ansteckend und – ja, befreiend. Seine scharfsinnigen Analysen und Differenzierungen von Nation, Religion und Rolle des Judentums sind geprägt von seiner unerschöpflichen Leidenschaft, verstehen zu wollen, sich und die Geschichte des Judentums, aber auch die Gegenwart der menschenverachtenden Besatzung. Das hat er nicht verschwiegen und sich so zum Anwalt für Gerechtigkeit zwischen den Völkern gemacht.
Wir werden ihn bei BIP sehr vermissen, und genau deshalb werden wir weiterhin in seinem Erbe mit Klarheit die Gerechtigkeit einfordern.
Möge er in Frieden ruhen.

Ulrich Nitschke, Bonn, BIP-Gründungsmitglied

Ein Gerechter
Psychologe, Hochschullehrer, Menschenrechtsaktivist: Der Humanist Rolf Verleger ist gestorben
Junge Welt-Gespräch mit Rolf Verleger über den konstruierten Zusammenhang zwischen Israel-Kritik und Antisemitismus (erschienen 2017): http://www.jungewelt.de/Rolf_Verleger
Am Montag ist Rolf Verleger in Lübeck gestorben. Dort hatte er an der Universität nach seiner Habilitation in Medizinischer Psychologie gelehrt. Er war in einem religiösen Haushalt aufgewachsen mit Eltern, die den KZ Auschwitz und Stutthof entkommen waren. Dies prägte ihn auch über seine politischen 1968er Jahre hinweg und führte ihn immer wieder zu der Religion zurück. Nicht Kant oder Marx waren seine Mentoren, sondern die Rabbi Hillel (gestorben 10 u. Z.) und Akiba (gestorben 135 u. Z.) mit der Torah: »Ihre, der Torah, Wege sind Wege der Güte, und all ihre Pfade sind Frieden«, schreibt er 2017 in seinem Buch »Hundert Jahre Heimatland?« »Mit dieser Weisung bin ich aufgewachsen. Ich bekam sie von meinen Eltern eingeschärft, ich dachte an sie, wenn ich zu Hause oder unterwegs war, wenn ich mich abends hinlegte und morgens aufstand.«
So blieb es auch, als er später die Jüdische Gemeinde Lübeck mit aufbaute und die zahlreichen jüdischen Einwanderer in den 90er Jahren integrierte. Das Judentum, wie es der damalige Zentralratspräsident Ignatz Bubis repräsentierte, war seine Heimat, das Judentum der Nächstenliebe und tätigen Moral, nicht das der Nation oder des israelischen Staates.
Das musste zur Konfrontation mit dem neuen Zentralrat führen, in den er 2005 entsandt wurde. In einem offenen Brief kritisierte er scharf das militärische Vorgehen Israels im Libanon und griff die Haltung des Zentralrats an: »Ist das noch das gleiche Judentum, (…) als dessen wichtigstes Gebot unser Rabbi Akiba benannte: ›Liebe deinen Nächsten wie dich selbst‹? Das glaubt mir doch heutzutage keiner mehr, dass dies das ›eigentliche‹ Judentum ist in einer Zeit, in der der jüdische Staat andere Menschen diskriminiert, in Kollektivverantwortung bestraft, gezielte Tötungen ohne Gerichtsverfahren praktiziert, für jeden getöteten Landsmann zehn Libanesen umbringen lässt und ganze Stadtviertel in Schutt und Asche legt. Ich kann doch wohl vom Zentralrat der Juden in Deutschland erwarten, dass dies wenigstens als Problem gesehen wird.« Das konnte er nicht – er wurde abberufen und verlor auch seinen Vorsitz in der Jüdischen Gemeinde Lübeck.
Doch Rolf Verleger resignierte nicht. Er kämpfte um seine »Heimat«, also das Judentum der Nächstenliebe und einen Staat im Frieden mit seinen arabischen Nachbarn. Seine Kritik an der Siedlungspolitik, der Gewalt der Besatzungsarmee und der Siedler, der Kriege gegen Gaza verschärfte sich in dem Maße, in dem die Gewalt eskalierte. Er engagierte sich nicht nur in der »Jüdischen Stimme für einen gerechten Frieden in Nahost«, sondern auch in der »Deutsch-Arabischen-« und der »Deutsch-Palästinensischen Gesellschaft«. 2016 gründete er das »Bündnis zur Beendigung der Besatzung in Palästina«, welches heute »Bündnis für Gerechtigkeit zwischen Israelis und Palästinensern« heißt.
Bei dieser Gründung lernte ich Rolf Verleger kennen, als er mich bat dabeizusein. Ich sah in ihm die authentische Stimme eines Judentums der Versöhnung und der großen humanistischen jüdischen Tradition. Er trat nicht gegen den jüdischen Staat an, sondern fühlte sich ihm ausdrücklich »zugehörig«, seine Kritik an den Kriegen und Gewaltexzessen der Regierungen aber war ohne Kompromiss. Dass er nun nicht mehr unter uns ist, ist ein unermesslicher Verlust nicht nur für die, die ihn kannten und mit ihm arbeiteten, sondern für alle, die für einen Frieden zwischen den beiden Völkern streiten. Seine Tochter – so Rolf – habe ihm einmal während seines Konfliktes mit dem Zentralrat gesagt: »Du wirst als Gerechter leben und sterben.« Und so ist es gekommen.

Prof. Dr. Norman Paech, BIP-Gründungsmitglied


Lieber Rolf,
ich sehe uns noch am Strand Richtung Yaffa spazieren, es muss 2008 gewesen sein, als Du uns in Tel Aviv besucht hast. Wir waren 2007 dorthin gezogen, Dein Buch „Israels Irrweg“ im Gepäck, das mir in gewisser Weise Halt und Zuversicht gab, weil es eben Israels Irrweg so deutlich benannte, aber auch — jedenfalls in meinem Lesen — gerade für uns Juden Möglichkeiten eröffnete, einen anderen Weg zu gehen. Diesen anderen Weg gingen wir, lieber Rolf, viele Jahre Seite an Seite. Erst als Freunde und Verbündete im Geiste, später zusammen mit Rupert Neudeck, Martin Breidert, Ghaleb Natour, Albrecht Schröter und immer mehr Gleichgesinnten, als wir gemeinsam BIB gründeten, was später zu BIP geworden ist.
Unsere Freundschaft, lieber Rolf, hat mir immer viel bedeutet, vielleicht sogar mehr als unser gemeinsamer Kampf für Frieden und Gerechtigkeit. Es gab viele gemeinsame Begegnungen, wenn Du nach München kamst, mit Deiner Mutter, Deiner Frau und Deiner Schwester. Deine Enkel waren mir ganz vertraut, obwohl ich ihnen erst jetzt, bei Deiner Beerdigung, in persona begegnet bin. Was hast Du von ihnen geschwärmt, was warst Du in sie verliebt, mit welcher Freude warst Du mit Leib und Seele Großvater! Das hat mir so gut an Dir gefallen, vielleicht hat uns das auch, ohne dass wir je darüber gesprochen hätten, auf einer ganz tiefen Ebene verbündet: Wir sind beide Kinder von Holocaust-Überlebenden, wir wissen beide, was es bedeutet, unsere Großväter nicht gekannt zu haben. Großvater zu sein für Deine Enkelkinder hatte immer oberste Priorität, und in meinen Augen war es im Kleinen das, wofür Du im Großen gekämpft hast. Während ich mich für ein besseres Israel stark mache, hast Du Dich für ein Wiedererstarken des deutschen Judentums eingesetzt. Du hast Deinen Enkeln den wichtigsten Wert des Judentums vermittelt: Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst und tue keinem etwas an, was Du selbst nicht erleben möchtest. Dies, so hast Du Rabbi Hillel immer wieder zitiert, sei die ganze Torah.
In diesem Sinne hast Du beigetragen zu einem wiedererstarkten Judentum. In Deinen Enkeln lebt Deine Liebe, Dein Lachen, Deine Klugheit weiter, und ein stückweit in uns allen. Danke, Rolf, dass Du uns all das hinterlassen hast.

Nirit Sommerfeld, BIP-Gründungsmitglied

Was mir von Rolf Verleger bleiben wird:
– dass er eine Persönlichkeit war, die Moral, Denken und Handeln zur Deckung gebracht hat.
– dass er vergeben konnte. Seiner Familie war Furchtbares widerfahren. Vergeben heißt nicht: die Augen schließen und auch nicht „weiter so“. Vergeben heißt den Schatten der Tat und der Täter über und hinter sich spüren, zugleich aber der Zukunft eine Chance zu geben.
– dass er mutig war. Er hat die Autoritäten genötigt, die Legitimität ihrer Autorität durch rechtes Tun unter Beweis zu stellen.
– dass sein Leben auf Prinzipien beruhte, er aber kein Prinzipienreiter war. Ethos und die Umstände des Lebens galt es immer neu in’s Einvernehmen zu bringen.
– dass er ironisch sein konnte. Wer groß denkt und handelt, muss manches kleine Karo einfach abschütteln.
Von dem Mitbürger jüdischen Glaubens Rolf Verleger fällt auf mein Leben ein Licht, an dem ich mich als Mensch orientieren kann.
Ich danke Dir für Deine Initiative und verbleibe
mit herzlichen Grüßen

Udo Steinbach, BIP-Gründungsmitglied

In memoriam Rolf Verleger
Das erste Mal begegnet bin ich Rolf 2008 auf einem Workshop an der Evangelischen Akademie Tutzing. Ich erinnere diese Begegnung, wie sie von Rolf selbst erst vor Kurzem beschrieben wurde: „Es war Freundschaft auf den ersten Blick; denn uns verbindet die Liebe zum rationalen Argument und das Vertrauen in die Kraft ethischer Prinzipien“. Aber zu unserem Rationalitätsfaible und dem Rekurs auf die Ethik kam als ein dritter wesentlicher Freundschaftsfaktor hinzu: die gemeinsame Sorge um die Zukunft Israels. Wir teilten mit einigen anderen die Überzeugung, dass für Israel wie für den Mittleren Osten insgesamt ohne eine Beendigung der israelischen Besatzungs-Politik ein dauerhafter Frieden nicht möglich sein wird. Wer den Frieden will, muss daher rationaliter auch die Beendigung dieser Politik wollen. Und Rolf und ich, wir gehörten zu denen, die den Frieden wollten. Also …
Es ist dieser praktische Schluss, dessentwegen Kritiker der israelischen Regierungspolitik von Vertretern dieser Politik immer wieder als „Antisemiten“ diffamiert werden. Wie mit dieser Diffamierung auch öffentlich am besten umzugehen ist, das war das Thema unseres oben genannten ersten gemeinsamen (von meinem Freund Günter Schenk initiierten) Workshops. Effizient war dieses Treffen nicht. Zu einer gemeinsamen Strategie waren wir offensichtlich noch nicht imstande. Und um ein Haar wäre der ganze Workshop sogar an einem – wie es ein weiterer jüdischer Teilnehmer nannte – „typischen innerjüdischen Streit“ gescheitert. Es muss ein sehr feinkörniger gewesen sein. Jedenfalls ist mir bis heute unklar, worum es bei ihm überhaupt ging.
Danach blieben wir stets in engem Kontakt. Der Höhepunkt unserer Kooperation war die von uns Beiden und Norman Paech im Dezember 2019 gestartete Petition EINSPRUCH.  (https://www.openpetition.de/petition/online/einspruch-gegen-sprachregelungen-fuer-hochschulen)  Über die exakte Formulierung dieser Petition hatten Rolf und ich uns über einige Tage hinweg heftig gestritten. Nicht über das Ziel (ein klares Veto gegen einen weiteren Versuch, Israelkritik als eine Form des Antisemitismus zu klassifizieren), sondern über den Weg, wie dieses Ziel der Petition am ehesten breite Zustimmung finden könnte. An einem solchen Streit sind schon viele Freundschaften zerbrochen. Unsere nicht. Ich selbst sah und sehe, was den Erfolg dieser Petition angeht, diese als einen glatten Flop. Rolf offenbar nicht. Was wohl daran lag, dass seine sehr viel geringere Erfolgserwartung die realistischere war.
Auch diese Differenz hätte zu den Themen gehört, derentwegen ich Rolf und ein paar weitere Freunde für den Juni 2020 zu einem zweiten Workshop eingeladen hatte. Dieses Treffen konnten der grassierende C-Faktor und die stärker werdende Cancel Culture an unseren Universitäten verhindern. Von solchen und anderen Verhinderungsfaktoren unberührt bleibt aber die Gültigkeit des von Rolf so unvergesslich klar vertretenen praktischen Schlusses. Wann immer ich diesen Schluss ziehe, höre ich nunmehr Rolfs Stimme.

Georg Meggle
Professor für Analytische Philosophie, BIP-Mitglied

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Stimmen von Kollegen aus der Wissenschaft

Mein erster Kontakt mit Rolf Verleger war per Post. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft hatte gerade erst die Förderung meines Projektes über „Israelkritik, Umgang mit der deutschen Geschichte und Ausdifferenzierung des modernen Antisemitismus“ bekanntgegeben. Schon gab es im Internet allerlei Vorurteile. Den einen schien es ausgemacht, dass das Projekt der Diffamierung all jener dienen solle, die sich für die Menschenrechte der Palästinenser einsetzen. Die anderen befürchteten, dass es den Zusammenhang zwischen Antisemitismus und Israelkritik verschleiern wolle, und erhoben den Vorwurf, das Projekt fördere den Antisemitismus.
Rolf Verleger wollte sich erst kundig machen, bevor er ein Urteil fällt. Er schickte mir sein Buch „Israels Irrweg“ und schrieb mir eine freundliche Postkarte, in der er mich um genauere Informationen über das Projekt bat. Daraufhin sandte ich ihm den detaillierten Projektantrag. So kamen wir ins Gespräch und schließlich lud ich ihn ein, Mitglied des wissenschaftlichen Beirats unseres Projektes zu werden.
In dieser Beraterfunktion hat Rolf nicht nur wesentlich zum Gelingen des Projektes beigetragen. Er hat schon während des Projektes durch Vorträge dafür gesorgt, dass erste Ergebnisse publik wurden, schließlich das Vorwort für mein Buch „Israelkritik zwischen Antisemitismus und Menschenrechtsidee“ verfasst und meine Arbeit auch in den Jahren danach in vielfältiger Weise unterstützt. Wir wurden Freunde, und wenn ich an meine wissenschaftliche Laufbahn zurückdenke, so gab es nur wenige Freundschaften, die mich sowohl wissenschaftlich als auch menschlich so tief beeindruckt haben.
In den letzten beiden Jahren, als ich mich Corona-bedingt aus dem öffentlichen Leben zurückgezogen hatte, hatten wir nur noch wenig Kontakt. Ich wusste nichts von seiner Krankheit und die Nachricht von Rolfs Tod trifft mich unvermittelt. Sein Tod ist ein schwerer Verlust für alle, die sich um einen gerechten Frieden in Israel/Palästina bemühen.

Wilhelm Kempf

Rolf Verlegers Vortrag in Hechingen
Dr. Rolf Verleger, emeritierter Professor für Medizinische Psychologie an der Universität zu Lübeck, entstammte einem religiösen, von der Shoa hart getroffenen jüdischen Elternhaus in Ravensburg. Die erste Frau seines Vaters wurde mitsamt drei Söhnen und weiteren Verwandten der Familie in nationalsozialistischen Konzentrationslagern ermordet. Rolf Verleger war Mitbegründer der neuen Jüdischen Gemeinde Lübeck und seit 2005 Delegierter Schleswig-Holsteins im Zentralrat der Juden in Deutschland. Weil er seit 2006 immer wieder Kritik an den militärischen Maßnahmen der israelischen Regierung übte, an den Aktionen gegen den Libanon, am Siedlungsbau in den Palästinensergebieten und an den Gaza-Feldzügen der israelischen Armee, verlor er schließlich seine Ämter in den jüdischen Organisationen. Eine ausführliche Begründung seiner Sicht präsentierte er in dem 2008 erschienenen Buch „Israels Irrweg“.
Der Tod Rolf Verlegers erinnert auch an einen Vorgang, der in Hechingen nicht vergessen werden sollte. Im Herbst 2014 plante der Verein „Initiative Hechinger Synagoge“ entsprechend seiner Satzung mehrere Vorträge zum „Abbau von Vorurteilen gegenüber Minderheiten und Menschen anderer Nationalitäten“. Während Veranstaltungen zum Völkermord an den Armeniern, der Tätigkeit des Neutemplerordens in Hohenzollern und dem Werk des jüdischen Künstlers John Elsas problemlos über die Bühne gingen, kam es wegen eines in diesem Kontext ebenfalls geplanten Vortrags von Rolf Verleger zum Thema „Sympathisieren Deutsche mit Palästina aus Abneigung gegen Juden?“ zum Eklat. Von verschiedenen Seiten, insbesondere von der Israelitischen Kultusgemeinde Württemberg, wurden massive Einsprüche gegen den Redner erhoben, doch der Verein hielt zunächst einmütig an der Veranstaltung fest. Der Vereinsvorstand gab dem Druck aus Stuttgart schließlich aber nach und lud den Redner aus. In seinem 2017 in Frankfurt erschienen Buch „Hundert Jahre Heimatland?“ resümierte Rolf Verleger den Vorgang: „Aufgrund dieser Absage des Vorstands trat der für das Programm verantwortliche Beirat des Vereins geschlossen zurück und organisierte meinen Vortrag zum vorgesehenen Termin an einem anderen Veranstaltungsort in Hechingen, der Villa Eugenia. Es war so voll, dass mein Vortrag in die zwei angrenzenden Säle per Lautsprecher übertragen werden musste. Das Echo war groß, die regionale Presse berichtete mehrfach.“
In Hechingen lebten bekanntlich jahrhundertelang viele Juden. Sie haben die Stadt religiös, kulturell, insbesondere aber wirtschaftlich geprägt. Dieser reichen Hechinger Geschichte der Juden versetzte der nationalsozialistische Rassenwahn den Todesstoß. Nachdem in den Jahren zuvor in der Hechinger Synagoge schon Alfred Grosser und Hans Küng scharfe Kritik an der Politik Israels gegen die Palästinenser geübt hatten, ohne dass es zu Einsprüchen gekommen war, wurde die Frage, ob Deutsche einen jüdischen Deutschen am Reden in der Synagoge hindern dürften, für den Vereinsbeirat Anlass zum Handeln. Eine Beschränkung des Rederechts erschien vor dem Hintergrund des Holocaust völlig undenkbar, zumal sich Rolf Verleger bei seinem Widerstand gegen den zionistischen Nationalismus Israels stets auf das Toragebot berief: „Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst!“. Dem mittlerweile inflationär gebrauchten Antisemitismusvorwurf hielt Rolf Verleger entgegen: „Unrecht bleibt Unrecht, auch wenn es von Juden begangen wird. Nur mit dieser Einstellung haben wir die Berechtigung, von anderen – Türken, Syrern oder sonst wem – zu fordern, Vorbehalte zu überprüfen und Vorurteile aufzugeben.“ Diesem Ziel, gewaltlos einen dauerhaften Frieden zwischen den verfeindeten Gruppen zu erreichen, diente das von Rolf Verleger gegründete „Bündnis für die Beendigung der israelischen Besatzung“, das seit 2019 unter dem Namen „Bündnis für Gerechtigkeit zwischen Israelis und Palästinensern“ weitergeführt wird. Mit Rolf Verleger ist ein friedfertiger Mensch und ein mutiger Verteidiger der Menschenrechte hingegangen. Sit ei terra levis! Möge ihm die Erde leicht sein! Schalom, Rolf Verleger.

Prof. Dr. Paul Münch, Universität Duisburg-Essen

Am 8.11. 2021 starb Rolf Verleger – ein Mensch, der sich zeitlebens für Gerechtigkeit im Nahostkonflikt eingesetzt und niemals seine Gesprächsbereitschaft aufgegeben hat. Und dies, obwohl seine Familie selbst Opfer der Nationalsozialisten war.
Ich habe ihn nicht oft getroffen, aber jedes Mal, wenn ich ihn traf oder mit ihm telefonierte, hat er mich tief beeindruckt und sehr beflügelt: mit seinem unerschütterlichen Glauben an Gerechtigkeit, mit seiner Ausdauer und seinem Willen, Dinge durch überzeugende Rede und differenzierte Einsichten zu ändern – nicht zuletzt mit seiner Verschmitztheit und seinem Humor. Dies galt auch für seinen fulminanten Vortrag, den er im WS 2016/17 in der von mir organisierten Vortragsreihe „Naher Osten- Ferner Frieden?“ hielt. Anwürfe, die vor [sic!] seinem Vortrag gegenüber ihm vorgebracht wurden, konnten ihn nicht aus der Ruhe bringen. „Warten Sie mal ab“, sagte er grinsend, als ich mich für diesen unschönen Empfang an der Universität Göttingen bei ihm entschuldigte. Rolf Verleger gab allen, die die Problematik des Nahostkonflikts in „schwarz-weiß“ und vor allem ohne Wissen und kritisches Hinterfragen angehen wollten, einen Korb. Er zeigte, wie viele hochangesehene jüdische Intellektuelle von Chaim Weizmann über Hannah Ahrendt und Albert Einstein heute unter die Rubrik des „Antisemitismus“ geraten würden, hätte man ihre Äußerungen damals mit heutigen Maßstäben der Definition gemessen. Er wusste zu differenzieren, in den Kontext zu setzen, zu diskutieren, er wusste seinen scharfen Verstand in der Dekonstruktion von Argumenten einzusetzen, die keinerlei Kritik an der Politik Israels dulden wollten und solche mit Antisemitismus gleichsetzten. In Göttingen hat er damals faszinierte Zuhörer gefunden und geholfen, dass die Vorlesungsreihe zusammen mit einer Ausstellung ein großer Erfolg wurde. Ich bin sehr traurig, dass dieser starke und eindrückliche Mensch von uns gegangen ist.

Irene Schneider
Professorin für Arabistik/Islamwissenschaft an der Universität Göttingen


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Stimmen aus Deutschland

Wir trauern um Prof. Dr. Rolf Verleger
Mit großer Trauer haben wir die Nachricht vom Tode Rolf Verlegers erhalten. Unser tiefes Mitgefühl gilt seiner Ehefrau und allen Angehörigen.

Rolf Verleger war eine bedeutende jüdische Stimme der Freiheit. Über Jahrzehnte hinweg setzte er sich für einen gerechten Frieden zwischen Palästinensern und Israelis ein. Immer wieder hat er seine Stimme gegen die israelische Besatzungspolitik erhoben, universelle Menschenrechte verteidigt und Gerechtigkeit eingefordert. Mutig und unerschrocken ist er seinen Weg gegangen.

Seine Warmherzigkeit und seine aufrichtige Haltung werden all jenen fehlen, die ihn kannten. Mit seiner Stimme hat Rolf Verleger dazu beigetragen, dass unser Eintreten für Freiheit, Souveränität und Gleichheit in Deutschland wahrgenommen wird. Dafür sind wir ihm sehr dankbar.

Seine Beerdigung fand an dem Tag statt, der in Ausübung der nationalen Rechte des palästinensischen Volkes auf Selbstbestimmung, politische Unabhängigkeit und Souveränität über das Land Palästinas als Tag der Unabhängigkeitserklärung (15.11.) begangen wird.

In tiefer Anteilnahme

Abdelhadi Abusharekh, Palästinensische Mission in Berlin

Rolf Verleger – Mitglied im Beirat der Deutsch-Arabischen Gesellschaft

Der bekennende Jude, der Altruist Prof. Dr. Rolf Verleger hat mit seinem Leben starke Zeichen gesetzt; bewusst hatte er in Deutschland seine Heimat für sich und seine Familie gesucht und an der Ostsee wie in Berlin gefunden.
Den Bekenner des liberalen Judentums hat es bis zum Schluss seines reichen Lebens geschmerzt, dass es seinen jüdischen Glaubensbrüdern und -schwestern in ihrer eroberten Heimat Palästina nicht gelang, Frieden mit den verdrängten Vorbewohnern zu suchen und zu finden.
Anders hier, wo zurecht die Historie die Erinnerung an die Grausamkeiten wach hält, ließ er nie Zweifel aufkommen, dass ihn die institutionalisierte Einhaltung staatlich gewollter Etikette abstößt; den hier gezüchteten christlichen Zionismus fand er widerlich, ihm misstraute er in allen ihren zu oft auch skurrilen Ausprägungen.
Denn wer für Juden nach tausenden von Jahren ein Rückkehrgesetz bejahe, dürfe den Palästinensern nach wenigen Jahrzehnten unverschuldeter Abwesenheit ihr Rückkehrrecht nicht verwehren; das sei, so Verleger, abzulehnende „israelische Apartheid“.
Völkerrecht und die universellen Menschenrechte dürften nie, auch nicht insbesondere im Nahen Osten, in Frage gestellt werden. Ebenso wenig dürfe mit solcher verqueren Ideologie die Unterdrückung der Meinungsfreiheit in Deutschland begründet werden.

Harald Moritz Bock
Generalsekretär
DEUTSCH-ARABISCHE GESELLSCHAFT


Foto von Peter Michael Kuhn


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Eine Stimme aus der Schweiz

Lieber Rolf
Allzu früh bist Du von uns gegangen. Doch wer entscheidet das?
Dich habe ich vor vielen Jahren an einer Tagung von medico international in Frankfurt kennengelernt. Ein Schwerpunkt damals war Kritik an der WHO.
Im April 2018 begegneten wir einander im „Café Palestine“ Zürich, wo Du aus Deinem Buch „Hundert Jahre Heimatland“ vorgelesen und mit den Anwesenden diskutiert hast.
Dein langer Weg als jüdischer Mensch beeindruckt mich: Du warst bekanntlich Mitglied im Zentralrat der Juden in Deutschland, bist dort ausgeschlossen worden, Deinem Gewissen und Deiner Vernunft folgend mehr – und mehr gegen die menschenrechtsverachtende Unterdrückungspolitik Israels den Palästinenser*innen gegenüber. Deine Konsequenz auf diesem Weg, basierend auf Gerechtigkeit und Friede für alle Bewohner*innen zwischen dem Mittelmeer und dem Jordan, bewundere ich deshalb, weil Du weitergegangen bist, als ich dies mit meiner lebensgeschichtlichen Verbundenheit mit Israel (in den Grenzen vor dem Sechstagekrieg) emotional vermag.
Dir danke ich herzlich für Deine Arbeit, die sehr viel Kraft gekostet hat.
Verletzungen galt es zu ertragen. Doch von vielen Menschen in der Palästina/Israel-Solidarität über die Grenzen Deutschlands hinaus hast Du Unterstützung und Zuneigung erfahren dürfen.

Jochi Weil-Goldstein, Zürich


Rolf Verleger mit Günter Grass, Foto von Petra Mück


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Der Mantel des Elia (2. Kön. 2,8f) – Ein Nachruf auf Prof. Dr. Rolf Verleger

„Wisse, woher Du gekommen bist. Und wohin Du gehst. Und vor wem Du zukünftig Rechenschaft ablegen musst.“ (Akawja ben Mehallal’el, Sprüche der Väter, Kap. 3, Satz 1) Diese Devise hat sich Rolf Verleger nicht nur zu eigen gemacht – er hat sie gelebt. „Offenbar wollte dieser Akawja seine Zuhörer zu etwas Demut bewegen, aber – bei aller Demut – auch klarmachen, dass man stets selbst für sein Handeln Verantwortung übernehmen muss.“, schließt er die Einleitung zu seinem 2008 erschienenen Buch „Israels Irrweg. Eine jüdische Sicht“ ab

Für den 8.6.2012 war im Gewölbekeller der Stadtbücherei Weimar ein Vortrag zum Thema „Judentum, Zionismus, Deutschland“ angekündigt. Das interessierte mich. Und der Vortragende faszinierte mich, je länger ich ihm zuhörte: Ein eher zarter Mann mit einem jugendlichen, fast verschmitzt wirkenden Gesicht und lustigen Augen, der nicht nur unheimlich sympathisch auf mich wirkte, sondern mit in sich ruhender Gelassenheit seine Erfahrungen, Erkenntnisse und Thesen vorbrachte. Ich war von ihm sehr beeindruckt. Was er vortrug, eröffnete mir z.B. einen neuen Blick auf den Zionismus. Ich lernte den – eher integrativen – Zionismus eines Chaim Weizmann zu unterscheiden von dem stärker expansiven und aggressiven Zionismus eines Ben Gurion. Rolf Verleger beschrieb dies sehr sachlich und klug – engagiert, ohne zu eifern. Ich getraute mich, im Anschluss auf ihn zuzugehen und ihn zu fragen, ob er Lust habe, mit mir zu Abend zu essen. Er hatte Lust. So lernten wir uns kennen und wechselseitig zu schätzen. Er schrieb damals in sein Buch für mich als Widmung: „… in Erinnerung an einen schönen Abend … Eine Kampffront: [und auf Hebräisch] ‚Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst.'“

Es war mir eine Ehre, als er mich drei Jahre später fragte, ob ich bereit wäre, einen Verein mit zu gründen, der sich für ein Ende der israelischen Besatzung in Palästina engagiert. So trafen wir uns am 24.1.2016 in einer Berliner Wohnung – zusammen mit Rupert Neudeck, Nirit Sommerfeld, Martin Breidert, Udo Steinbach und Ghaleb Natour -, um diese Initiative zu besprechen und vorzubereiten. Ich lud zeitnah zu einem Folgetreffen nach Jena ein. Ein Jahr später war das „Bündnis zur Beendigung der israelischen Besatzung (BIB) e.V.“ gegründet, das wir (als Menschen in der „Dynamik des Vorläufigen“, Roger Schutz) bald in „Bündnis für Gerechtigkeit zwischen Israelis und Palästinensern (BIP) e.V.“ umbenannten, weil es so eine stärker positive Aussage nach außen trug.
Unser Ziel war und bleibt es, wahrheitsgemäß über die völkerrechtswidrige Besatzungspolitik Israels zu berichten und einflussreiche Persönlichkeiten aus allen Bereichen des politischen, wirtschaftlichen, kulturellen und gesellschaftlichen Lebens anzusprechen, die helfen können, Israel endlich von seiner Politik gegenüber den Palästinensern abzubringen. Rolf Verleger wusste, welche Mammutaufgabe wir uns damit vorgenommen hatten. Aber er wusste, woher er kam: von David, der Goliath unerschrocken entgegentrat. Er hatte als überzeugter, einem tiefen Humanismus verpflichteter Kämpfer für eine gerechte Sache harte und zutiefst verletzende Ablehnung von jüdischer Seite erfahren. Er verlor deswegen 2006 zunächst den Vorsitz des Landesverbandes der Jüdischen Gemeinschaft in Schleswig-Holstein, den er in langjähriger Gremienarbeit mitbegründet hatte, und 2009 seinen Sitz im Zentralrat der Juden in Deutschland als Delegierter Schleswig-Holsteins. Aber er verlor nicht seinen Glauben an die Notwendigkeit, sich auch weiterhin engagiert für Gerechtigkeit einzusetzen. Die erfahrenen Widerstände haben ihn nur noch mehr motiviert, für eine Änderung der Palästina-Politik Israels zu kämpfen. 2009 wurde er Vorsitzender der „Jüdischen Stimme für gerechten Frieden in Nahost“ und gründete 2016 – wie bereits beschrieben – BIP e.V. In dieser Zeit schrieb er sein zweites Buch mit dem Titel „Hundert Jahre Heimatland? Judentum und Israel zwischen Nächstenliebe und Nationalismus“. Aus seiner Feder stammen auch zahlreiche Essays zu Judentum, der Nahostproblematik und des Antisemitismus (s. www.rolf-verleger.de).
Für mich war und bleibt er ein Vorbild in seinen klaren Positionen, seiner tiefen Humanität und seiner stets ruhigen, unaufgeregten Art, sich zu äußern oder die Dinge anzugehen. Wenn es einen Menschen gab, der die drei wichtigsten Dinge, die wahres Menschsein ausmachen – Liebe, Gelassenheit und Humor – lebte, dann war er es. Und das in einer sehr gewinnenden Weise.
Ich würde Rolf Verleger gern für den Erich-Mühsam-Preis der Erich-Mühsam-Stiftung in seiner Heimatstadt Lübeck vorschlagen. Wie Mühsam wusste sich Rolf Verleger als ein nach Lübeck zugewanderter Jude, wie dieser versuchte er ebenfalls, sich an moralischen Idealen zu orientieren, wie dieser scheute er sich nicht, anzuecken. Im Sinne von Mühsams Vater, dem Apotheker Siegfried Mühsam, hatte er in Lübeck die Jüdische Gemeinde wieder mit aufgebaut und im Sinne von Erich Mühsam hat er mit seinen beiden Büchern, mit der „Jüdischen Stimme für gerechten Frieden“ und last but not least mit BIP versucht, diese Welt gerechter zu machen. Laut Website der Erich-Mühsam-Gesellschaft kann der Erich-Mühsam-Preis „an Personen vergeben werden, die in Mühsams Sinne wirken, indem sie sich den kulturellen, politischen und sozialen Herausforderungen der Gegenwart stellen, die Verhältnisse nicht als gegeben hinnehmen, sondern im Sinne einer lebenswerten Zukunft nach befreienden Alternativen suchen“. Eine posthume Verleihung an diesen großartigen Gerechten unter den Völkern im Jahre 2022 wäre ein starkes Zeichen. Ein Zeichen dafür, dass wir das „Anecken“ von Persönlichkeiten wie Rolf Verleger in unserer Welt nötiger haben denn je. Ein Zeichen dafür, dass es unsagbar wichtig ist, dass sich andere den „Mantel des Elia“ überwerfen. Mit ihm kann man Bäche teilen (2. Kön. 2,14) – bzw. Mauern überwinden -, so dass die Gerechtigkeit zwischen Israelis und Palästinensern ihren Weg findet. 
Übrigens: Wer meint, der Tod habe einen Kritiker aus der Welt genommen, der irrt. Rolf Verleger lebt. Jetzt erst recht.

Dr. Albrecht Schröter, BIP-Gründungsmitglied


Zum Tod von Rolf Verleger hat das Magazin Luna Park ein Interview mit Rolf Verleger wieder veröffentlichtet:
https://www.lunapark21.net/zum-tod-von-rolf-verleger/

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Das Redaktionsteam von BIP-Aktuell besteht aus dem Vorstand und dem Geschäftsführer Dr. Shir Hever. 
V. i. S. d. P. Dr. Götz Schindler, BIP-Vorstand.

2 Gedanken zu “BIP-Aktuell #196: Nachrufe auf Prof. Dr. Rolf Verleger

  1. Vielen Dank für all die Infos und Trauerreden-Beiträge für R. Verleger -ich bin seit langem eine werbende Anhängerin von BIP, und habe an mehreren B I B Konferenzen teilgenommen. M.Seggel-Borchert

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